Ausgabe 
28 (19.1.1868) 3
 
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Das Weihnachts - Geschenk.

In weichen, weißen Flocken siel der Schnee aus schweren, grauen Wolken niederauf die schweigende Erde, sie liebevoll einhüllend vor der starren Kälte des Winters.Die Nacht war früh, sehr früh herabgesunken, bereits bedeckte sie mehrere Stunden mitihrem weiten, sternlosen Mantel Stadt und Land. Neberall waren die Thürmcr be-schäftigt, mit kräftigen Armen die Stränge der Glocken in Bewegung zu setzen, damitihre eherne Stimme verkünde, daß inmitten der öden Winternacht ein reiches Frühlings-leben angebrochen, daß Weihnachten, das beseligende Fest, eingekehrt, der Stern der Liebeaufgegangen über Hütten und Paläste. Auch in der Provinzialstadt A. . . . erklang dervolle Accord der Glocken von allen Thürmen, Hütten und Paläste schmückten sich ver-schieden und doch cinmüthig, denn überall begegnete man sich ja in einem Gefühl. Ausallen Fenstern, sie mochten verhüllt sein durch schwere Scidengardinen, geschlossen durcheinfache Läden, stahl sich ein Heller, freundlicher Schimmer, der Kunde gab, daß in denZimmern Lust und Freude herrsche, daß überall das Gcburtsfcst des Heilandes gefeiertwerde, in allen Häusern ein Christbaum entzündet sei.

In allen Häusern? Die Unterstube eines stattlichen, in einer der besten Straßenbelegenen Hauses war behaglich erwärmt, jedem Luftzug der Einzug verwehrt durch dichteVorhänge und Portieren. Ein weicher Teppich bedeckte den Fußboden, elegante Meublesfüllten das Zimmer, duftende Blnmen auf Etageren und Blumentischen zauberten, derWinterkälte spottend, den milden Hauch des Frühlings. Die auf dem Tische brennendeLampe beleuchtete silbernes Theegeschirr; es zeugte Alles von Comfort und Wohlhaben-heit; nichts aber erinnerte daran, daß heute Weihnachtsfest sei. Keine Bcscheerung warausgebreitet, kein Tanncnbaum angezündet, denn es, war kein Kind da, das jubelnd dieGaben der Eltern empfangen hätte das Weihnachtsfest war für die Bewohnerin die-ses Zimmers kein Fest der Freude, sondern des Schmerzes.

Die Frau, welche allein in jenem Zimmer am Tische saß, war noch jung, vielleichtzu Anfang der dreißiger Jahre. Gott hatte sie in dem ersten Jahre ihrer Ehe deshohen Mutterglückes gewürdigt, sie hatte ein holdes Kind an ihre Brust gedrückt; aberschon nach wenigen Wochen hatte der Herr seinen Engel wieder zu sich gerufen in diehimmlische Heimat. Mit unendlichem Schmerze hatte sie das -Kind forttragen sehen, warsie zurückgeblieben in dem Hause, welches fortan still blieb ein Nest ohne Vogel, einGarten ohne Blumen!

Zehn Jahre waren seitdem vergangen. Die Gatten, welche sich unter beschränktenVerhältnissen die Hände gereicht zum Bunde für das Leben, sahen ihre irdischen Gütersich mehren, sie wurden wohlhabend, reich; sie liebten einander; aber sie waren nichtglücklich. Es war still um sie, die Räume ihres Hauses widerhallten nicht von derschönsten Musik, dem Tone fröhlicher Kinderstimmen.

Er umgab seine Gattin mit allem, was das Leben verschönern kann, und sie wardankbar, machte ihn nicht zum Zeugen ihres tiefen Schmerzes, ließ ihn nicht ahnen,welche Leere sie fühlte, wenn er seinen Bcrussgeschäften nachgehend, sie einsam zurückließin dem öden, reichgcschmückten Hause.

Auch heute war er gegangen, mit dem Versprechen, ihr ein schönes WeihnachtS-Geschenk mitzubringen, und sie hatte dazu gelächelt und ihm scherzend eingeschärft, es janicht zu vergessen.Er ist so gut," hatte sie dann zu sich gesagt,er soll es nichtwissen, wie wenig Freude ich habe an diesem Luxus, diesen Kostbarkeiten, mit welchenfeine Liebe mich so verschwenderisch umgibt. Ich sehne mich, ein warmes Kindcrherz andas meine zu drücken, meine Hand streckt sich aus, die kleine Hand zu erfassen, meinOhr lauscht, ob es nicht liebliches Kindergeplauder vernehme. Ich möchte beschenken undmuß mich beschenken lasten, ich möchte arbeiten und sorgen für Andere und muß fürmich sorgen lasten. Ich kann keine Bcscheerung ausbreiten, keine grüne Tanne mit Lich-