Ausgabe 
28 (19.1.1868) 3
 
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lern und Näschereien schmücken; es umflattern sie ja keine munteren Vögel; der Baumwürde sich wundern, weßhalb man ihn seiner schönen Waldesheimat entrissen und ihnhierhergebracht, wo keine Weihnachtsfrcude."

Stundenlang hatte die einsame Frau in ihren Betrachtungen gesessen, die Nachtwar gekommen, der Diener hatte die Lampe angezündet, den Theetisch geordnet, sie hattees kaum bemerkt. Jetzt erzitterte der Festgruß von den Thürmen, weckte sie aus ihremHinbrüten, drang in ihr Herz, wie eine Mahnung zu hoffen, daß auch ihr noch Glückbeschicken sei.

Tritte erschallten vor der Thür, sie öffnete sich und ihr Mann trat herein. Sorg-fältig trug er ein Bündel, legte es vorsichtig auf den Tisch nieder und sagte mit selt-sam bewegter Stimme:

Da bringe ich Dir ein Wcihnachts-Geschenk, das Gott mir bescheert. Ich wollteDir einen Schmuck kaufen, den ich gestern am Schaufenster eines Juweliers gesehen; imBegriff, in den Laden zu treten, höre ich ein leises Wimmern, das aus diesem schonhalb mit Schnee überdeckten Bündel kam, ich öffne es, sende darin ein fast erstarrtesKind und eile damit hieher. Ich vergaß darüber den Schmuck zu kaufen, wirst Dumir zürnen?"

Er öffnete bei diesen Worten das Bündel und die erstaunte Frau erblickte ein klei-nes Mädchen, ungefähr von demselben Alter, wie das ihrige war, als der Tod es vonihr gefordert. Erweckt von der Wärme, welche Plötzlich auf das von der Kälte erstarrteGesicht einströmte, öffnete das mutterlose Kind die Augen und streckte weinend dieArme aus nach der kinderlosen Mutter. Sie nahm es aus den Armen ihres Gatten,betrachtete es lange und innig, ein warmer Quell der Liebe öffnete sich in ihrem Herzenfür das hilflose Wesen und mit heißen Thränen sprach sie:Du bringst mir ein Weih-nachtsgeschenk, kostbarer als Diamanten. Du hast es gefunden; aber unser Kind dortoben, Christus, der Kinderfreund, haben es gesandt, damit Las verwaiste Kind Eltern,die verwaisten Eltern ein Kind haben. So sei es denn unser und Gott gebe seinenSegen!"

Amen," sagte der Mann und Amen klangen die Glocken, welche so eben im letztenPulse verhallten.

Obgleich ihr Dienerinnen zu Gebote standen, ließ es sich die hochbeglückte Mutternicht nehmen, das ihr geschenkte Kleinod selbst aus den umhüllenden Tüchern zu befreien,es zu erwärmen und ihm Milch einzuflößen. In den Tüchern, welche ohne jedesZeichen, fand sich ein Zettel, auf dem die Worte standen:Das Kind ist getauft undheißt Marie." Es war dies das einzige sehr schwache Zeichen, welches als Anhalte-punkt für Nachforschungen über des Kindes Herkunft dienen konnte; die Adoptiv-Elternbedurften desselben nicht; sie wollten nicht forschen und fragen, sie wollten behalten, wasihnen bescheert.

Das Kind blieb das ihre. Fortan ging kein Wcihnachtsfcst wieder so still vorüber,Marie, von Jahr zu Jahr sich lieblicher entfaltend, jubelte um den Tannenbaum underfuhr niemals, daß die, welche ihn für sie schmückten, nicht wirklich ihre Eltern, daß sieselbst ein Weihnachts-Geschenk sei.

Das Jahr 1868 als Säkular-Jahr.

Dasselbe ist ein solches für eine ungewöhnlich große Anzahl welthistorischer Begeben-heiten. Achtzehn Jahrhunderte sind in ihm seit dem Tode des Tyrannen Neround dem Aussterben des Cäsarischcn Geschlechts verflossen (68 n. Chr. Geb.); sechzehnnach der Stiftung der großen germanischen Völkerbünde an der Ober-Donau, der Weser und dem Ober-Rhein (268); fünfzehn seit dem Erscheinen der Ostgothen unter Her«manrich am Dnieper, und der Westgothen unter Athanarich au der Donau (368).