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Mädchen deckend, welches die Füßchen auf die Klumpen gestellt, sich in ihren Schooßgeworfen. Auf der Ofenbank, am eiskalten Ofen, liegt aus Gewohnheit ein schlafenderKnabe, mit einem zerrissenen Sacke bedeckt. Von dem dürftigen Bette links in der Ecke,welches die ganze Familie aufnehmen muß, wollen wir schweigen. Es ist nicht in Ord-nung gebracht. Wahrscheinlich hat las kleine Mädchen, die Wärme in demselben suchend,es nur eben verlassen, um von der Mutter Brod zu verlangen. Unter dem Bette gähntschwarz ein viereckiges tiefes Loch. Zur Aufnahme von Kartoffeln bestimmt, blieb esdieses Jahr leer, und der Holzdeckel desselben ist längst verbrannt. Die kleine Blech-lampe auf dem Ofen ist bestäubt und befrorcn, da lange schon kein Oel da war, dieAbende zu erhellen. Eine peinliche Stille herrscht in dem Zimmer, nur von dem leisenWeinen des kleinen, hungrigen Mädchens unterbrochen, von dem Knistern der Scheiben,die der Frost sprengt.
Unter schweren, langsamen Schritten hört man draußen den Schnee knarren. —Die Frau lauscht.
„Marickc, weine nicht, der Vater kommt; er bringt Geld und Brod, er war jaschon acht Tage auf Arbeit aus."
Der Vater tritt ein, eine große, kräftige, aber von Elend und Ermüdung gebeugteGestalt. Die Klumpest, ja die über die Beinkleider gezogenen wollenen Socken vollSchnee, den langen Stock mit der Eiscnspitzc in der Hand, den Reise- oder jetzt besserBettelsack auf dem Rücken, die Pelzmütze mit einem Tuche gegen den Schncesturm fest-gebunden. Die Augen der Frau sind fragend auf ihn gerichtet. Stumm nickt er mitdem Kopfe und legt eine Krähe und einige kleine Vogel auf den Tisch.
„Sie sind erfroren, koche sie." —
„Womit? Ich habe kein Holz, an Salz nicht zu denken."
„Borge bei den Nachbarcn."
„Hat keiner. Die Nachbaren auf der anderen Seite sind seit Tagen fort betteln;der Nachbar nebenan erkrankte in der Stadt und starb im Lazareth."
„Es ist hier so kalt als draußen; holtest Du oder der Junge kein Sprock?" —
„Der Schnee ist zu tief; wir kamen seit Tagen nicht mehr durch. Beim letzte«Gange hat sich Karl, dort liegt er, die Füße abgefroren."
Eine traurige Pause trat ein, dann fragte die Frau: „Vater, Du warst aufArbeit an der Eisenbahn; bringst Du kein Geld mit?"
„Man schickte mich von der Stadt auf die nächste Station; ein schwerer Marschmit hungrigem Magen; und von da — nach Hause, da keine Karren da wären."
„Und gingst Du nicht zur Narpe-Entwässcrung, Vater?"
„Da habe ich gearbeitet, schwer gearbeitet, uud erhielt fünf Silbergroschcn den Tag.Davon wurde ich allein bei den theuren Preisen nicht satt; vielweniger war für Euchbeizulegen. Da ging ich fort und -- bettelte mich nach Hause."
„Vater, wir — mußten es auch, um nicht zu verhungern; jetzt ist der Schnee zntief, wir zu schwach. Seit zwei Tagen kommen wir nicht mehr fort. Jetzt — hungernwir. Suchtest Du aber nicht bei Bauern zu dreschen? Die hätten Dir doch das Essenund für uns 1 Sgr und 4 Ps. gegeben?"
„Habe versucht, Mutter; aber cS hat beinahe keiner mehr zu dreschen, die Scheunensind leer." —
„Vater, der Exekutor war hier wegen rückständiger Klassensteuer. Er fand nichts
zu nehmen. Vater, was thun wir, damit die Kinder und wir nicht verhungern?-
Ich hörte einmal von 600,000 Thalern Unterstützungs - Geldern, die bei der Regierungliegen sollen." —
„Mutter, ich hörte auch, aber jetzt ist's stille davon. Wenn's das Wetter erlaubt,gehen wir Alle betteln. Die Kraft ist erschöpft; arbeiten kann ich auch nicht mehr,wenn's selbst Arbeit gäbe."