32
Der Schuster kümmerte sich wenig um die guten Lehren des Troubadours undverballhornte das Lied nach wie vor.
Der Troubadour wurde hierüber zornig, zerriß wüthend ein Paar Schuhe, die derSchuster zum Verkaufe ausgehängt hatte, setzte sich zu Pferde und ritt eiligst davon.
Hierüber entstand ein Prozeß. Der Schuster verklagte den Sänger vor dem Könige,der diesen vor sich citiren ließ Der Sänger war weil entfernt, seine That zu läugnen,sondern meinte, er habe nur Repressalien geübt.
„Ist es wahr," sagte er, „daß ich der Verfasser dieses Liedes bin, und daß dieganze Stadt es nachsingt? Gut denn; nun seht, dieser Mensch hier hat sich vorge-nommen, mein Lied gräßlich verstümmelt zu Gehör zu bringen; zum Beweise möge eres hier vortragen, und der König mag entscheiden, ob ich Unrecht habe."
Der Schuster erhielt Befehl, das Lied zu singen. Das ganze Auditorium, derKönig mitinbcgriffeu, brach in ein lautes Gelächter aus über die wahrhaft höllischenTöne, die der Schuster ausstieß, und der König entschied, daß der Dichter die mitgenom-menen Schuhe zu bezahlen habe, zugleich aber verbot er dem Schuster, je wieder dasbesagte Lied zu singen, „denn," begründete der König das Urtheil, „das Lied des Trou-badours ist die Frucht seiner Wachen, und wollt Ihr nicht, daß er Eure Arbeit beschä-dige, so dürft Ihr auch nicht die scinige verstümmeln. Lasset ihn in Frieden, und ichverbiete ihm, Euch je wieder zu belästigen."
Kläger und Geklagter waren mit diesem Urtheile einverstanden und entfernten sichzufrieden aus dem Saale .
(Nur ein Hund!) Die „WienerVorstadt-Ztg." läßt sich aus Mödling vom 4. ds.nachstehende Geschichte schreiben, welche wohl würdig ist, in die nächste Auflage vonBrehm's„Thierleben" aufgenommen zu werden: „Im Dorfe N. lebte seit einiger Zeit ein junger,hübscher und in ziemlich guten Vermögens-Verhältnissen stehender Gutsbesitzer auf seiner eigenenRealität, der hier und in Wien in größter Achtung stand. Schon seit einiger Zeit bemerkteman Tieffinnigkcit an ihm so oft er aus Wien kam, und doch fuhr er am nächsten Tagnach seiner Ankunft von Wien wieder dorthin zurück. Niemand konnte in Erfahrung bringen,was die Ursache seiner Fahrten und seiner Traurigkeit war. Gestern Früh fuhr Hr. W.wieder nach Wien und kehrte Abends nach 11 Uhr mit seinem Viergespann nach Hause zurück.Hier angelangt, warf er dem Kutscher die Zügel und eine Fünfgulden-Note zu und sagte:„Die vier Pferde sind dein Eigenthum, lebe wohl!" — pfiff seinem Hund und ging in seinZimmer. Der Kutscher, nichts Gutes ahnend, rief den anderen Stallburschen und folgteeiligst seinem Herrn. Als er im Vorzimmer anlangte, hörte er einen Schuß fallen — er tratin das Zimmer seines Herrn. Dieser saß bleich und verwirrt, eine Pistole in der Hand hal-tend, auf dem Sessel und starrte eine in ganz kleine Theile zerschnittene Photographie an.Der Schuß hatte seinem Kopfe gegolten, allein in eben dem Moment, als Hr. W. die Mün-dung der Pistole an die Stirne gesetzt hatte, um loszudrücken, war der treue Hund an ihnhinangesprungen, hatte die rechte Hand gefaßt — und der Schuß ging, statt in den Kopf desUnglücklichen, durch's Fenster in's Freie. Als der Diener eintrat, stand der Hund noch nebenseinem Herrn und hielt die Hand mit der Pistole fest in seinem Munde, die er auch nichtlosließ, bis der Diener diesem die Pistole aus der Hand genommen hatte. Dann sprang erfreudig bellend im Zimmer auf und ab. Hr. W. liegt nun schwer erkrankt danieder".