Ausgabe 
28 (2.2.1868) 5
 
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Armes Kind," entgegnete der Greis ganz ergriffen bei dem letzten Schlag, den erführen mußte,sie hat freilich das Recht, sich zu beklagen, denn das Band, das Herrvon Väricourt geknüpft, ist nach allen göttlichen und menschlichen Gesetzen geheiligt.Mögen alle himmlischen Mächte Ihnen beistchen: Der Graf ist ihr Gemahl!"

Ein erdrückter Schrei entwand sich Paulinens Brust, sie sank in den Stuhl zurück,und war nahe daran, die Besinnung zu verlieren; ihre Augen erweiterten sich übermäßigund ein convulsivisches Zittern befiel sie.

Muth, Muth, meine Tochter," sagte der Pfarrer,mit Gottes Hilfe werden Siediesen Schmerz überwinden, die Wunde wird vernarben."

Nach der ersten schmerzlichen Betäubung begann Pauline:Aber Georg ist ja ver-loren, wenn die Wahrheit an den Tag kömmt!"

Herr Beauprö mußte dieses edle Selbstvergessen bewundern, die dem Opfer vorAllem die Gefahr für den Schuldigen in Erinnerung brachte, ohne an das eigene fürimmer verlorene Glück zu denken; dann sagte er tief betrübt:Leider ist es nur zuwahr, der Augenblick der Strafe ist für den Grafen gekommen: seine verlassene Frau istmit ihrem Kinde hier angekommen und will ihre Rechte geltend machen."

Aber das wäre ja Georgs Verderben, nein, das kann sie unmöglich, oder sie hatihn nie geliebt."

Hüten Sie sich," unterbrach sie der Pfarrer,daß Ihr Mitleid für den Straf-baren, denn ein anderes Gefühl darf für ihn nicht mehr in Ihrem Herzen bleiben, Sienicht ungerecht mache. Bedenken Sie, was die Fremde gelitten!" Und er erzählte ihrseine Unterredung mit Lucy, während Pauline einen Strom von Thränen vergoß.

Mein Kopf ist in Fieber," sagte sie,ich bin unfähig, zu handeln. Sagen Siemir, was ich zu thun habe."

Wir sind übereingekommen, die Gräfin und ich, daß Sie vor der Hand noch imSchlosse bleiben, aber Sie werden begreifen, daß der Graf für Sie nicht mehr existirt,sein Verfahren läßt keine Entschuldigung zu, also hören Sie keine an. Was die Zukunftbetrifft, so hängt diese ganz von des Grafen Frau ab, sie hat Euer Aller Schicksal inHänden. Ihrer Familie kann man für den Augenblick die traurige Wahrheit noch ver-schweigen, es würde die entsetzliche Lage des Grafen nur noch verschlimmern und mög-licher Weise ein Unglück herbeiführen."

Die arme Frau willigte in Alles; sie, die bis jetzt nur dem Glück gelebt, sah sichmit einem Mal in ihrer Liebe wie in ihrer Ehre bedroht, sie war für immer von ihremGemahl getrennt und mußte auch noch für ihn zittern. Sie erkannte die Größe seinesFehlers, aber wenn auch Alles ihn verdammte, hatte sie das Recht, ihn zu verdammen,der zu Liebe er seinen Schwur gebrochen? Und hatte nicht sie ihn zuerst geliebt undso Theil an seiner Pflichtvergessenheit genommen?

Es war freilich nur die Liebe, die sie in ihren Augen als mitschuldig erscheinenließ, denn hätte sie von seiner Heirath gewußt, wäre er ihr niemals gefährlich geworden.

Sie folgte dem Pfarrer in die Kirche und betete da lange mit Inbrunst. Als sie end-

lich ging, gewahrte sie hinter ihr eine junge Frau in tiefer Andacht versunken, neben ihrhatte eine Mulattin einen kleinen Knaben auf dem Schooß. Pauline war wie auf derStelle gebannt, als sie dem Blick der Fremden begegnete. Diese erkannte ihrerseits inPauline leicht das Original von dem Portrait auf dem Schlöffe, wenn auch die Zügejetzt statt des süßen Lächelns tiefe Trostlosigkeit verriethen. Wie sollte man die Gefühleschildern, die in dem Blick lagen, den die beiden Frauen wechselten? Von Seite derCreolin die furchtbarste Eifersucht, fast Haß, obwohl sie sich des Mitleids nicht erwehrenkonnte, als sie sah, welche Spuren das Unglück bereits aufgedrückt; Pauline dagegen,wenn sie auch die feinen Züge der Creolin bewundern mußte, betrachtete doch mit Abnei-gung und einer Art Entsetzen die Frau, die sie plötzlich in einen Abgrund von Elend

gestürzt und die mit einem Wort Georg in's Verderben bringen konnte.

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