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Der Eindruck war für Dcide unvergeßlich, welche von ihnen war wohl mehr zirbedauern?! Pauline fühlte ihre Sinne schwinden, auf ihre Kammerfrau gestützt, verließsie die Kirche.
IX.
Im Schloß angekommen, wollte sich Pauline sogleich auf ihr Zimmer begeben, alsein Diener ihr meldete, daß der Graf wiederholt nach ihr gefragt habe, und hinzusetzte,ob er ihn von ihrer Ankunft benachrichtigen solle.
„Nein, es ist nicht nöthig," sagte sie lebhaft.
Aber in demselben Augenblick kam Georg und bat sie, ihr in den Salon zu folgen.„Pauline," begann er, indem er sie mit der bittersten Reue betrachtete, „Du weißtAlles?!" —
„Ja."
„Und hast Du kein Wort der Verzeihung für mich?"
„Du hast meine ganze Zukunft vernichtet; dennoch wünsche ich, Gott möge Dirverzeihen, wie ich Dir verzeihe."
„Das thust Du als Christin, aber hat sich Dein Herz schon ganz von mir ab-gewendet?"
„Könntest Du wünschen, daß es anders sei, daß ich durch diese strafbare Liebemeine Leiden noch erhöhte?"
„Ja, und solltest Du mich der abscheulichsten Selbstsucht anklagen, der Gedanke,daß ich Dir gleichgültig bin, ist mir unerträglich. Pauline, laß Dein Herz mein Richtersein, wenn mein Fehler groß ist, so ist es auch meine Liebe, Du weißt nicht, wie vielich gekämpft und gelitten habe."
„Nein, ich will nichts wissen, laß mir wenigstens die Vergangenheit, daß ich ohneSchuldbewußtsein jener glücklichen Zeit gedenken kann, wo ich Dich lieben durfte."
Pauline wußte selbst nicht, wie viel Liebe diese Worte in sich schloßen, erst die BlickeGeorg'S verriethen ihr dies. „Geh," sagte er, „es steht nicht in Deiner Macht, mirDeine Liebe zu entziehen; wenn ich nur die eine Gewißheit habe, daß Dein Herz mirnoch gehört, so trotze ich dem Schicksal; Pauline, sage mir, daß meine Stimme nocheinen Widerhall in Deiner Seele findet!"
Jetzt gedachte Pauline der Mahnung des Pfarrers und im Gefühl der eigenenSchwäche sagte sie mit erheuchelter Strenge: „Ist das der geeignete Augenblick, vonLiebe zu sprechen, wenn Sie jede Stunde zur Rechenschaft gezogen werden können fürein so großes Vergehen!"
„O, nur um Deinetwillen beklage ich es."
„Nun denn, wenn es wahr ist, daß Sie wenigstens thcilwcise das an mir verübteUnrecht gut machen möchten, so bitte ich nur um das Eine: daß Sie mich nie mehrallein sprechen, so lange ich noch dieses Haus bewohne; ich müßte sonst sogleich ein an-deres Asyl suchen."
„Ich werde mich Ihrem Willen fügen," erwiderte der Graf, das Gesicht in dieHände verbergend, „aber gedenken Sie manchmal eines Unglücklichen, dessen Leiden seinemVerbrechen gleich kommen."
„Mitgefühl und Gebet sind die einzigen Beziehungen, die fortan zwischen uns be-stehen können, sie sollen Ihnen nie fehlen."
Damit verließ die junge Frau das Zimmer und Georg wagte es nicht, sie zurückzu halten.
Es war schon Abend, als der Pfarrer einen neuen Versuch machte, mit der Frem-den zu sprechen. Aber diese hatte so bestimmt erklärt, sogleich das Haus zu verlassen,wenn Frau Goulard uoch einmal einen Besuch ohne Erlaubniß einführe, daß die Wirthinein solches Wagniß nicht unternehmen wollte, und Herrn Beauprs nur anmeldete,
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