36
worauf Lucy ihn bitten ließ, ihr künftig das Bedauern zu ersparen, ihn nicht empfangenzu können. Als Mcla den Auftrag ausgerichtet hatte, sagte die Wirthin zu ihr: „Ihregnädige Frau thut sehr Unrecht daran, den Herrn Pfarrer so fortzuschicken, er ist ein sobraver Mann."
„Herrin schon ihre Gründe haben," meinte die Mulattin.
„Ich weiß wohl, was sie will, ist schwer zu bekommen," versetzte die Wirthinschlau lächelnd.
„Was bekommen?" fragte Mela.
„Mein Gott, glauben Sie denn, daß man fünfzig Jahr in der Welt lebt, ohnezu wissen, was darin vorgeht. Ähre Herrschaft ist doch nicht zum Spazierengehen nachFrankreich gekommen, wozu sonst die vielen Fragen über die Familie Vöricourt."
„Herrin das nicht leiden können, daß man sich in ihre Sachen mengen."
„Ich bin nicht neugierig, aber mau hat doch seine Augen im Kopf. Ihre Herrinist eine sehr achtungswerthe Dame, daran ist nicht zu zweifeln, aber die Männer sind soschlimm, ich kenne sie, war ich nicht auch jung? Zudem muß man sagen, daß nicht leichtEiner dem Herrn Georg gleich kömmt, was ist zu wundern, wenn Ihre Herrin in ihmeinen vollkommenen Cavalicr sah."
Die Mulattin war so betroffen, die Wirthin so gut unterrichtet zu sehen, daß siegar nicht zu antworten vermochte, die geschwätzige Frau Goulard konnte daher fort-fahren: „Mein armer Goulard hat es immer gesagt, daß Reisen für junge Leute ge-fährlich ist; denn gewiß, Hütte Herr Georg die Reise nicht unternommen, so hätte ernicht Schissbruch gelitten und hätte auch Ihrer Herrin keine thörichten Versprechungengemacht. Unter uns gesagt, bcläuft sich daS Ncucgeld hoch?" — Als sie aber die er-staunte Miene der Mulattin sah, fügte sie erläuternd bei: „Sie kennen vielleicht denAusdruck nicht, sehen Sie, das ist so: Herr Väricourt wird Ihrer Herrin die Ehe ver-sprochen haben; aber Versprechen und Halten sind zweierlei, besonders in Liebcssachen,Ihre Herrin wird sich aber sicher gestellt und in einem schriftlichen Versprechen eine be-deutende Summe verlangt haben, falls der Herr Graf sich anders besinnt, und obwohldie Vericourts meine ehemalige Herrschaft sind, so muß ich doch sagen, sie haben Unrecht,denn Versprechen macht Halten."
Ucbcrraschung und Zorn hatten Anfangs die Mulattin sprachlos gemacht, endlichschrie sie im höchsten Unwillen: „Geld, die Herrin wollen Geld! wer das sagen, derlügen niederträchtig."
„Nun, so sind Sie nur nicht böse, man kann sich irren, ich wünsche es für IhreDame."
Aber die Mulattin ließ sich damit nicht beruhigen. Die Wirthin hatte mit Scharf-sicht das rechte Mittel getroffen, sie zum Reden zu bringen. Die gröbsten persönlichenSchmähungen hätte sie gelassen hingenommen, aber jetzt war sie in ihren theuerstenGefühlen verletzt. „Herr Georg werden jetzt zittern," rief sie außer sich, „aber nicht fürGeld, für seine Ehre." Die Wirthin sah sie ungläubig an. — „Herrin den Betrügerschon strafen," fuhr sie fort, vor Zorn erblassend, „und auch seine Frau . . . werdenschon sehen."
„Seine Frau, was kann denn das unschuldige Kind dafür, wenn ihr Mann seinWort nicht gehalten hat."
„Aber wenn sie nicht die Frau sein?", platzte endlich die Amme heraus.
„Ei was Tausend, als ob wir nicht Alle der Trauung beigewohnt hätten!" —lachte die Wirthin.
„DaS sein nichts."
„Eine Trauung von Herrn Bcauprä, unscreni Pfarrer, daS wäre nichts?"
Die Mulattin behauptete es durch Zeichen.
„Die Anhänglichkeit an Ihre Herrschaft macht Sie unvernünftig, ich glaube wohl,