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daß Sie Herrn Georgs Frau nicht leiden können, aber deßhalb ist sie doch seine Frau."
„Werden schon sehen, werden schon sehen!"
„Es ist ein ernsthaftes Ding um die Ehe bei uns, Niemand lann damit Scherztreiben, vielleicht daß man es bei Ihnen, wo eS noch viele Wilde gibt, nicht so genaunimmt." —
Mela preßte die Lippen zusammen, das Schweigen kostete ihr eine große Anstren-gung. Aber die neugierige Wirthin wollte durchaus das Geheimniß herauskriegen undfuhr daher fort: „Wir armen Frauen sind immer das Opfer, besonders wenn wir einzärtliches Herz haben; mir geht das Unglück Ihrer Herrin wirklich nahe, aber was kannman machen, Herr Georg ist nun einmal vcrhcirathct."
„Werden schon sehen," murmelte Mela wiederum zornig drohend.
„Pah, was soll man denn sehen?" fragte Frau Goulard etwas verächtlich.
„Ob ein Mann zwei Frauen heirathcn können," sagte Mela außer sich.
Endlich, dachte die Wirthin, ist das große Wort gefallen, dann rief sie mit erkün-stelter Ucberraschung: „Was sagen Sie mir! Sollte das wahr sein?"
Aber Mela bereute schon die unklugen Worte, die ihr entschlüpft waren. Aergerlichüber sich und die listige Wirthin, die ihr Geheimniß entrissen, ging sie fort, ohne mehrein Wort zu sagen. Frau Goulard dagegen war höchst befriedigt über daS Gelingenihres Planes. Die schlaue Wirthin hatte bald vermuthet, daß Lucy's Fragen über dieFamilie Vüricourt einen andern Zweck hätten, als bloße Neugierde; ihr Besuch auf demSchloß und noch mehr die Unterredung mit dem Pfarrer bestätigten ihr dies. — Wirwollen annehmen, daß häusliche Geschäfte sie in das anstoßende Zimmer führten, wo sievon dem Gespräch wenigstens so viel vernehmen konnte, daß Herr BcauprS immer imTon der Bitte, die Dame dagegen immer im Ton des Unwillens sprach; einen Augenblickdachte sie an ein Ehevcrsprechen, bald aber kam sie der Wahrheit auf die Spur, dennsie kannte den Stolz ihrer ehemaligen Herrschaft zu gut, als daß sie glauben konnte,sie ließe sich um des Geldes willen zum Bitten herab. Jetzt hatte sie die Gewißheit,daß jeden Augenblick Schmach und Schande über die Vvricourts hereinbrechen konnte;da sie aber im Grunde nicht böse war, so nahm sie sich fest vor, zu schweigen. Wirwerden in der Folge sehen, wie sie in ihrem Vorhaben bcharrte.
(Fortsetzung folgt.)
Das Auge.
ES ist oft bemerkt worden, daß das edelste der -menschlichen Sinneswerkzenge, daSAuge, eine gehcimnißvolle und fast Furcht erregende Wirkung auf die übrige lebendeSchöpfung äußert. Die giftige Schlange fühlt sich durch den starren und unverwandtenBlick des wüthigen Ziegenhirteu gleichsam entwaffnet, und daS grimmige Thier, welcheseinige Augenblicke vorher mit lechzender Zunge und mit glühenden Blicken sich zum Angriffrüstete, streckt nun seinen Körper auseinander und wagt nicht mehr, von der Stelle zuweichen. Tiger und Löwen, welche in dem engen Raume eines eisernen Käfigs verschlossenund von den sie bedienenden Wärtern vor jeder Mahlzeit durch gewaltsame Entreißungdes ihnen dargereichten Futters in grenzenlose Wuth verseht werden, würden in solchenAugenblicken Jedermaun ohne Unterschied anfallen; der mit ihnen vertraute Wärter dringtnur unter lärmenden Vorbereitungen in das Behältniß des hochcrbittcrten Thieres, faßtes aber zugleich mit so durchdringenden Blicken, daß das betrogene Ungcthüm zu Bodenfällt und durch die gewöhnlichen Liebkosungen dem Könige der Schöpfung huldigt. DerMuth der amerikanischen Wölfe hört von dem Augenblicke auf, da sie der Mensch starranblickt. Ich bin nicht nur überzeugt, daß ein unerschrockener Mann, wann er andersnicht der angreifende Theil, in äußerst wenigen Ausnahmen vor den Angriffen der