Ausgabe 
28 (2.2.1868) 5
 
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im freien Zustande befindlichen reißenden Thiere vollkommen gesichert ist, sondern auch,daß sie ihm jedesmal ausweichen werden, sobald sie noch Raum genug besitzen, um ihmaus dem Wege zu gehen. Ich nähme mich häufig versuchsweise mit verschlossenem Augedeni Rennthierc, ohne es zu verscheuchen, während es bei dem leisesten Blinzeln vonmeiner Seite mit Windesschnelle davonjagte. Im zoologischen Garten in London suchteich, so oft ich hinkam, die Löwen auf, deren sich über ein Dutzend dort befindet. Miteinem derselben unterhielt ich mich besonders gerne, d. h. nur mit den Augen. Blickteich ihn freundlich und sehnsüchtig an, so kam er so nahe, als es die Schranken seines KäsigSerlaubten, mit Geberden, als ob er mich liebkosen wolle; warf ich ihm aber durchdringendeund finstere Blicke zu, so ging er nach dem Hintergründe, sich unterwegs wiederholt nachmir umschauend ob ich in meinem Trotze verharre. Aendcrte ich den Blick, dann kehrteer wieder zurück; bcharrte ich aber in meinem scheinbaren Grimme, dann suchte er sichim hintersten Winkel seines Lagers zu verbergen und stieß ein dumpfes stöhnendes BrüllenauS der Tiefe seiner Brust hervor, als ob er seinen besten Freund verloren hätte.

Rabbi Maier und sein Weib.

Un einem Sabbathtage saß der große Gelehrte Rabbi Maier auf seinem Lehrstuhlein der Schule und unterrichtete das Volk.

Während dieser Zeit waren seine beiden Söhne, junge hoffnungsvolle und kernge-sunde Menschen, eines plötzlichen Todes gestorben.

Das Weib des Rabbi trug die beiden Leichen auf die Platform des Hauses, legtesie auf ein Bett und bedeckte sie mit weißen Linnen.

Am Abende kam Rabbi Maier nach Hause.Wo sind meine Söhne?" fragte er,damit ich ihnen meinen Segen ertheile."

Sie sind in die Schule gegangen," erwiderte sein Weib.

Ich habe sie dort gesucht, ich habe mich nach allen Seiten umgesehen, aber meineSöhne nirgends erblickt."

Da es Abend ward und der Sabbath mittlerweile zu Ende ging, verrichtete RabbiMaier das übliche Gebet, trank einen Schluck Wein und fragte von Neuem:Wo sindmeine Söhne? Ich will, daß sie von dem gesegneten Weine trinken."

Wahrscheinlich sind sie nicht weit von hier," erwiderte die Mutter. Und siereichte ihrem Manne zu essen.

Nachdem er gegessen und das Nachtischgebet verrichtet hatte, sagte sein Weib zuihm:Erlaube mir, daß ich an Dich eine Frage richte."

Sprich, Geliebte," erwiderte er.

Vor einigen Tagen hat mir Jemand einen werthvollcn Schmuck anvertraut, dener heute von mir wieder zurückfordert. Muß ich ihm denselben zurückstellen?"

Eine solche Frage," erwiderte der Rabbi,hätte mein Weib an mich zu richtennicht nöthig gehabt; willst Du denn von mir ermächtigt werden, den Schmuck zubehalten?"

Weit entfernt," antwortete sie,aber nur wollte ich es nicht thun, ohne Dichfrüher davon zu unterrichten." Mit diesen Worten führte sie ihren Mann hinaus aufdie Platform zu den beiden Betten und nahm die weißen Decken herab.

Meine Kinder," rief der Vater entsetzt aus,meine Kinder todt!"

Die Mutter wandte sich weinend ab. Dann ergriff sie ihren Mann bei der Handund sagte:Rabbi ! hast Du mich nicht gelehrt, daß man ohne Murren das zurück-geben soll, was einem anvertraut wurde? Siehst Du, der Herr hat sie uns gegeben,der Herr hat sie uns gcuommcu, der Name des Herrn sei gelobt in Ewigkeit!"

Gebenedeit sei der Name des Herrn!" wiederholte der Rabbi und begab sich be-ruhigt in sein Zimmex zurück.