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gehalten. Aus Lindenholz gehöhlte Schüsseln und anderes Geschirr mit Weidenruthenumflochten hing an den Wanden. Vor der Thüre seitwärts stand hoch aufgerichtet einschlicht behauenes mächtiges Holzkrcuz, vom Wetter versilbert und von der Luft gebräunt,von der Gewalt der Stürme etwas gebeugt, als wolle es dem hinzu Tretenden sichfreundlich entgegen neigen An der Giebelsäule des Hauses, unter einem kleinen Schutz-dache aus Binscngeflccht hing eine Glocke der allerältcsten Gestalt, einer umgestürztenehernen Schale ähnlich, und nur durch den daran hängenden Schwengel von einer solchenunterschieden.
Die Bewohnerin des Hauses saß unfern desselben im Grase, an einer Stelle, wosie nicht nur den ganzen Platz mit der weidenden Heerde mit Einem Blicke zu übersehenvermochte, sondern wo auch das ganze mächtige See-Becken nach beiden Richtungen hinvor ihr ausgebreitet lag. Die Sennin trug ein langes dunkles Gewand, das unter derBrust gegürtet und um den Leib noch einmal aufgeschlagen war, daß es wie ein Doppel-rock aussah. Arme und Schultern waren unbedeckt; dunkle Erzhaften hielten zu beidenSeiten das Kleid befestigt, das in ihrer sitzenden Stellung die nackten Füße beinahe völligverhüllte und kaum entdecken ließ, daß sie mit einer Art Sandalen, an denen ein kleinerpantoffelartiger Vorschuh sich befand, gegen das Ungemach der rauhen Wege geschütztwaren. Ein weißes, in's Viereck gebundenes Tuch, das zu beiden Seilen breit hcrnieder-fiel, schützte den Kopf mehr gegen die stark ausfallenden Sonnenstrahlen, als es denselbenverbarg: das Gesicht darunter war schmal und fein geformt, von jener tiefen Färbung,wie sie den Südländern eigen ist und von welcher der rosige Anhauch der Wangen, dasfrische Roth der Lippen, die dunklen Bogen der Augenbrauen und das schimmerndschwarze, in schweren Locken niedcrringelnde Haar sich desto lebhafter und belebender ab-hoben. Die Gestalt war edel und von anmuthiger Geschmeidigkeit wie die des Rehs imGehölz oder der Gemse auf den Fclsklippen darüber — der Ausdruck der Züge warsanft und sinnig bescheiden, wie das Edelweiß der Berge. Die ganze Erscheinung stimmtevollkommen heimisch zu der gesummten Umgebung, und doch war etwas Ungewohntes anihr, als wär' es eine aus einem andern Himmelsstriche eingeführte Pflanze, welche, wennauch festgewurzelt und eingewöhnt in dem neuen Boden, doch das Gepräge ihrer
Abstammung, die Erinnerung an die alte Heimat, nicht verläugnet.
Das Mädchen hatte einen Flachs-Nocken an langem Stäbe neben sich in die Erdegesteckt und ließ an dem rasch sich abspinnenden Faden die Spindel munter durch dieGrashalme hüpfen: dennoch schienen ihre Gedanken nicht ganz bei ihrer Beschäftigung zusein — die Spindel bewegte sich allmählig immer langsamer, bis sie mit einem letztenWirbel in's Gras taumelte; die Hand der Spinnerin folgte herabsinkend nach, und derBlick blieb auf der schimmernden Secfläche haften.
Ein Nachen kam vom obern Theile des Sees eilfertig herangcrudert nach der
Almende hin und der Seewand gegenüber.
„Der wilde Markulf . . ." flüsterte das Mädchen vor sich hin, indeß ein unmu-thiges Lächeln den feinen Mund umspielte. „ ... Er kommt von der Waidfahrt zurück.
Ich sah ihp schon früh Morgens hineinwärts rudern — da hielt er nicht an und hatt'
es so eilig, daß er keinen Ruf, wie er sonst wohl Pflegt, herüber senden konnte zumGruß . . . Freilich, da war er nicht allein: jetzt wird er wohl nicht vorüberfahren,und wird ein Weilchen anlegen ... Ich will ihm einen Becher Milch bereit setzen,"fuhr sie fort, und schien sich erheben zu wollen, hielt aber im nämlichen Augenblickstockend inne, und blickte schärfer nach Fährmann und Fahrzeug hinaus. „Er wendet denKahn noch nicht — er will mich necken, der Wildfang, weil ich ihm zugehört, wie erjüngst . . . Dort, wo der matte Wasserstellen im See das Fclsenhorn verräth, dasdarunter lauert, dort muß er wenden, wenn er nicht an dem Gestein festfahren, . . .wenn er hieher lenken will ..."
Sie verstummte, ihr Athem ging etwas kürzer und ein leichtes Roth glitt über