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Nacken und Stirne — der Nachen draußen im See wendete nicht: ohne Ruf, ohne Winkruderte der Fährmann in das untere große Seebecken hinaus.
„Mag er fahren, wie er will!" rief sie und kehrte mit nicht ganz ungekünstelterRuhe zu ihrer Arbeit zurück. „Kümmert mich's? Ich werde Keinem rufen, der nichtselber gerne als Gast einspricht — das ist nicht Brauch auf der Walchen-Almend! . . .Wird wohl Unglück auf der Jagd gehabt haben, der unwirsche Gesell und grollt imUnmuth jetzt auch mit mir und meinem Milchbecher . . . mag er! Glückliche Fahrt!Er wird warten dürfen, bis er die Thüre zur Sennhütte wieder geöffnet findet!"
Beruhigter spann sie weiter, aber sie konnte es nicht über sich gewinnen, nichtmanchmal flüchtig in den See hinaus zu schauen, wo der Nachen schon in verschwinden-der Kleinheit sich in dem eintönigen Graubraun der Felswände verlor: darüber ward siegewahr, daß der Himmel sich mit jenem röthlichen Anhauch zu bedecken begann,welcher dem Sinken der Abendsonne vorhergeht. „Schau," sagte sie leise und erhob sich,„der Kaunstein fängt schon zu glühen an — die Dämmerung wird geschwind da sein.Das ist die Zeit, yio die frommen Schwestern drüben an der Salzburg das Zeichengeben zur Bespcr . . . hört es auch Niemand in der Wildniß, ich will auch zum Abend-gebet läuten, für Alles, was da lebt in der Einsamkeit und für mich selbst — es wirdnur die wirren Gedanken verjagen, die nicht aus dem Sinne wollen ..."
Sie trat an die Hütte und zog die Schnur der Glocke, bald begann sie zu schwin-gen und ihre nicht starken, aber wohl klingenden Schläge hallten feierlich durch das wieathemloS lauschende Fclsthal. Sie war darüber nicht gewahr geworden, daß der alteChricmbcrt aus dem Gehölz heran gekommen war und eine Weile beobachtend stehenblieb; dann beschleunigte er seinen Schritt, bis er neben ihr stand und ihr in den Armsiel, der den Glockeustrang zog.
Mit einem gellenden Schlage brach das Läuten ab.
„Was schaffst Du für Zauber und NeidingSwcrk, verfluchte Walchendirne!" rief ermit funkelnden Blicken, während sie, ruhig aber entschieden sich von seiner Hand los-machend, einen Schritt zurück trat und die befremdeten dunklen Augen fragend zu ihmaufschlug. „Ihr seid's, Vater Chriembert?" sagte sie. „Was habt Ihr im Sinne,daß Ihr mich so anfaßt und im Gebete stört?"
„Das überlaste mir, zu fragen!" rief der Alte entgegen. „Du, sage mir, wasDu im Sinne hast! Wenn Du gebetet hättest — wenn Du nicht Unrechtes gethan,warum bist Du so erschrocken und starrst mich so an mit den unheimlichen schwarzenAugen?" —
„Ich bin nicht erschrocken," erwiderte sie mit lächelnder Anmuth, „aber ich binverwundert . . . bin ich auch nur eine Walchendirne, wie Ihr gesagt — es ist nichtSitle in der Roms-An und ich bin es nicht gewohnt, so rauh überfallen zu werden undgescholten, wie man bei uns Walchcn eine Magd nicht schilt!"
„Willst Du mich noch Sitte lehren?" brauste der Alte auf. „Ich bin ein Greisgeworden nach meinem Sinn und Brauch, und werde beide nimmer ändern — vollendsnicht um Deinetwillen! Ich habe Dich belauscht . . . bekenne, was Du für bösenZauber gewirkt!"
„Zauber!" sagte das Mädchen kopfschüttelnd, indem es mit noch schönerem Lächelnnach dem Kreuze deutete, das sich hinter ihr erhob. „Zauberei — in der Nähe diesesZeichens?"
„Weiß ich, wo Deine Macht steckt?" rief der Jäger. „Wohl in dem Klang derwunderlichen Schale, die Du da aufgehangen hast? Was ist das Anderes, als —Alrunenkunst? ..."
Das Mädchen lächelte stärker, wie Jemand, der seine Uebcrlcgcnhcit über einenAndern fühlt und doch schonend genug ist, das nicht zu zeigen. „Das ist ein römischKllinod," sagte sie, „das sich in unserem Haus fortgeerbt hat von Vater auf Sohn —