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gezimmert und lehnte sich etwas zurückgestellt an den aufsteigenden Hügel; seitwärtsstanden kleinere Gebäude, deren Eines der steinerne Unterbau so wie die daraus auf-steigende Rauchsäule als Backofen bezeichnete, während aus dem offenen Dachgiebcl einesandern Vorräthe von Futter und Getreide hcrvorsahen und in ihm Scheune und Stallerkennen ließen. Tauben saßen auf der Firstsäule, Hühner pickten und scharrten amBoden umher, seitwärts auf einem umgestürzten Architrav waren abgesägte und aus-gehöhlte Baumstücke gereiht, die einfache Herberge summenden Bienenvolks, nnd gegenüberin einer durch aufgeschichtetes Brennholz gebildeten Lücke schlief auf die mächtigen Pfotengekauert, ein gelber zottiger Wolfshund. Der Raum vor dem Wohnhausc war umge-arbeitetes Land, in Felder und Beete getheilt, in denen Rüben und Kohlhäupter standenunter Salbei, Raute und anderem Gewächs, das in Haushalt und Küche Verwendungund Nutzen hat.
Zwei Frauen waren eifrig beschäftigt, ein Stück des Gartens frisch umzugraben,Unkraut auszuziehen und die Pflanzen von Raupen und anderem Ungeziefer zu befreien.Die Eine war eine starke sehnige Gestalt mit grauem Haar und verblühtem Angesicht,die Andere fein und von jugendlich aumuthigen Formen: Beide hatten Arme undSchultern unbedeckt, ein grobes Linncnhemd und ein Rock von dunkler Wolle mit rothemEndbesatz bildete die ganze schlichte Kleidung der Bäuerinnen.
Der alte Chriembert kam den Weg heran und blieb, als er die Frauen gewahrte,an der Umzäunung stehen. „Heda," rief er, die Arme auf die Pfähle gestützt, „laßteinen Augenblick die Schaufel rasten, Ihr Weiber, und sagt an, wo ich Eigel, den Bar-schalken finde, der weiland seßhaft gewesen, draußen im Chiemgau ?"
„Ihr seid am rechten Ort, Landsmann," sagte die Aeltcre, „hier haust der Mann,den Ihr sucht — weiland Eigcl geheißen, wie wir noch ungläubige Heiden waren —jetzt heißt er Florianus . . . Aber kommt nur herein, Mann: der Herr ist im Hause,und Du, Leutbirg, geh' und sieh' nach, ob Wolf fest an der Kette liegt, daß er denFremden nicht zu Schanden reißt!"
Ein Mann, in ein Wamms aus rauh gegerbtem Leder gekleidet, war währenddieser Reden unter der Hausthüre erschienen, eine gedrungene untersetzte Gestalt mitkurzem Nacken und starkknochigen Armen, die er gähnend über dem Kopfe reckte undstreckte, wie Einer, der eben aus dem Schlafe wach geworden — es war das Recht desHausherrn, daß er ruhte, wenn Alles thätig war, und daß er außer Krieg und Jagd,oder allenfalls dem Schmicdehandwerk keine Arbeit verrichtete, oder höchstens draußen imFelde den Pflug führte und die Saat bestellte. „Hoho," rief der Mann mit kräftiger,rauh klingender Stimme, indem er sich das dichte schwarze Haar aus der Stirne strich,„das ist kein Fremder, wie mir schwant! Die Stimme habe ich schon gehört, und wennich nicht noch schlaftrunken bin, so ist das Chriembert von der Schönau, mein alterZehntgenoß und Waffenbruder!"
„Der ist eS, Alter," entgegnete Chriembert eintretend, „ich will Dein Gast sein aufein paar Tage — ich hoffe, Du hast die jungen Zeiten nicht vergessen, wo wir unterEiner Decke am Wachtfeuer lagen und uns Blut-Runen" in die Arme schnitten auf ewigeFreundschaft; ich komme zu dem alten Eigel, den Neuen mit dem wunderlichen Namenkenn' ich nicht!"
„Tritt herein," sagte Eigel, indem er ihm einige Schritte entgegentrat, „thu' mei-nem Hause die Ehre an . . . beim Donner ... bei meinem Namenpatron will ichsagen, ... es ist noch kein besserer Gast über seine Schwelle gegangen! Welch' Aben-teuer hat Dich zu mir verschlagen? Komm herein — Ihr Weiber aber rüstet ein tüchtigLager und sorgt für Imbiß und Willkommentrunk ..."
„Du kannst es errathen, Blutbruder," erwiderte Chriembert und trat mit Eigclin's Haus. „Ist nicht Herzog Dict von Bajoarien, weiland unser Anführer und Fcld-hauptmann auf seiner Rückreise aus dem Lande der Walchen nach Piding gekommen?"