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«nd eben so wenig zeichnete er sich durch Freigebigkeit an die Klöster und Bruderschaften L aus, weßhalb er bei den Strenggläubigen eben nicht im besten Gerüche stand. '
Meister Peter hatte eine Tochter — das einzige Kind — welche gerade das Wider-spiel des Vaters war, und wenn dieser durch Schroffheit und Hochmuth die Herzen ab-stieß, zog Lisbeth durch mildes und bescheidenes Wesen alle an. Zufolge ihres Lieb-reizes und ckugendsamen Wandels hätte sie Freier die Menge gefunden, wenn auch im ^
Hintergründe nicht die reiche Mitgäbe gestanden wäre. Der Alte aber erkannte nicht, 5
welch' kostbare Perle er an seiner Tochter besaß, sondern grollte mit dem Himmel, daßer ihm keinen Sohn beschicken, auf welchen er seine Kunst hätte vererben können; denner war auf seinen Ruhm nicht minder stolz, als auf seinen Mammon? Als nun Lis-beth mehr und mehr heranwuchs, kam er auf den Einfall, durch sie dennoch der Stamm-vater eines Sängergcschlechtes zu werden, und ließ derohalben kund thun, daß er dem- -jenigen seiner Tochter Hand benebst einer Aussteuer von zwanzigtausend ungarischen Gul-den gebe, so das schönste Minnelied dichte und absinge. In öffentlichem Wettkampfe-sollte der Preis nach dem Ausspruche der bestellten Kunstrichter erworben werden. —Ungerührt von den Bitten und Thränen der Tochter und den Vorstellungen seiner Freundesandte Meister Peter das Ladschreiben im ganzen Reiche herum und fügte, um das Maßvoll zu machen, mündlich den frevelhaften Schwur bei: „Er werde sein Wort halten,wenn auch der böse Feind selber unter den Bewerbern sich einsinke."
Das Plakat des Augsburger Meisters zündete wie ein Blitzstrahl in der deutschenIunggcscllenwelt, und wer nur immer „Herz und Schmerz" zusammenreimen und einTänzchen auf der Zither klimpern konnte, quälte sich mit dem Versuche, ein Lied auszu-hecken und in Noten zu setzen. Sämmtliche Geigenmacher zwischen Rhein und Oderwaren nicht im Stande, so viele Harfen, Lauten und Fideln beizuschaffen, als die Nach-frage verlangte. In der Vaterstadt Lisbeth's griff erklärlicher Maßen der poetischeSchwindet am Allgemeinsten um sich und verrückte den gesetztesten Männern den Kops.
Alles, was noch nicht beweibt war, summte, pfiff und trillerte den lieben langen Tagüber vor sich hin, zu Hause und auf der Straße, und ganz Augsburg schien dem Ohreverwandelt in einen von tausenderlei Singvögeln bevölkerten Zauberwald. Solche Machthaben Liebe, Habsucht, Selbstdünkcl und Ehrgeiz über den Menschen. Der Preis waraber auch gar zu anlockend, und manches hungernde Dichterlein sah im Geiste bereitssein ärmliches Dachstübchen von der strahlenden Schöne der Goldbraut erhellt. §
Einer nur nahm nicht Theil an dem Jubel und den Hoffnungen, welche die Aus-schreibung hervorgerufen hatte, und das war der ehrsame Geschlechter Herr DietrichLang enmantel. Der junge Mann hatte seit geraumer Zeit sein Auge auf Lisbethgeworfen und, von ihr gleichfalls gerne gesehen, war er eben daran, förmlich um ihreHand anzuhalten, als ihm des Vaters wunderliche Grille einen bösen Strich durch die
Rechnung machte. Den starrsinnigen Alten von seinem Vorhaben zurückbringen zu ,
wollen, wäre verlorene Mühe gewesen, und eben so wenig durfte sich Junker Dietrichirgend Hoffnung machen, den Preis im Wettgesange zu erringen; denn so gut er auchim Rathe das Wort und auf dem Schlachtfelde das Schwert zu führen vermochte, —>in der edlen Musika war er ein erbärmlicher Stümper und kaum vermögend, ein ein-faches Trinklicdlein genießbar vorzutragen.
Schon war der Vorabend des zum Wettspiele festgesetzten Tages gekommen, undnoch wußte der liebessieche Junker nicht, wo aus oder an. Rathlos irrte er in denStraßen der Stadt herum und kam endlich, geleitet von seinem guten Engel, vor Sanct '
Ulrichs Münster. Er trat ein, um bei Gott Tröst zu suchen, wie ein frommer Christ ^
thun soll. Eben verklangen die letzten Glockcnschläge des Angelus im Thurme, undDietrich fand sich zu dieser späten Stunde allein in den weiten, dunkelnden Hallen. Erfiel an den Stufen des Altares auf die Kniee und betete lange nnd inbrünstig. Als ersich wieder erhob, sah er zu seiner Verwunderung das Grabmal des heiligen Ulrich von