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Jetzt kam die Reihe an Nummer Siebzehn, und in dem Aufgerufenen, welcher mitlangen Schritten dem Singstuhlc zueilte, erkannte Junker Dietrich kraft der ihm verhei-ßenen höheren Eingebung alsogleich seinen Mann, obfchon derselbe äußerlich durchausnichts Auffallendes zeigte; denn der Teufel ist nicht so dumm, daß er etwa durch einerothe Hahnenfeder und einen feuerfarbencn Mantel sich selber den Aushängeschild derHölle ankleben sollte. Der Fremde begann seinen Vortrag mit einem Präludium auf derLaute, die er meisterhaft handhabte. Hierauf ließ er ein Lied folgen, welches die schöneHelena und die Freuden des Venusberges zum Gegenstände hatte. Schon bei den erstenTönen seiner glockenreinen Tcnorstimme gaben sich alle Mitbewerber verloren, und gleich-wohl konnten sie dem Entzücken nicht widerstehen, welches diese zauberischen Weisen inder Versammlung hervorriefen.
Besonders hingerissen zeigte sich Junker Dietrich. Er hatte seinen Platz verlassen,und rückte dem Sänger mit jeder Strophe näher und näher, bis er zuletzt dicht hinterihm stand. Es schien, als wolle er das Liederbuch, welches der Fremde vor sich auf demPulte liegen hatte, mit den Augen verschlingen, in solch' gespannter Aufmerksamkeit folgteer dem Gesänge Note für Note und Wort für Wort. Eben wollte jener mit einerglänzenden Schlußstrophe sein Lied beendigen, als Dietrich's flinke Hand ihm das Blattaus dem Mcßbuchc einschob.
Da hätte man sehen sollen — denn beschreiben läßt sich so etwas nicht — welcheVeränderung urplötzlich mit dem Fremden vorging. Der Siegesstolz in seinen Zügenwich im Nu der Grimasse des höchsten Entsetzens; seine Gesichtsfarbe, erst die einesMannes von blühender Gesundheit, wurde giftiges Gelb, sein einschmeichelnder Gesangdas Brüllen einer wilden Bestie. Er wollte das Blatt hinwegschleudcrn und vermochtees nicht; er wollte vom Stuhle aufspringen, aber eine unsichtbare Macht hielt ihn strammdarnieder, und dieselbe Gewalt zwang ihn auch, das Gloria anzustimmen. Er that esmit einem Geheule, welches den Zuhörern die Haare zu Berge trieb und das Blut inden Adern starren machte. Keiner hatte Lust, das Ende dieser höllischen Hymne abzu-warten, und kopfüber stürzte Alles dem Ausgange zu. Durch ein ganzes Stadtviertelverfolgten die schauderhaften Laute die Flüchtlinge.
Der alte Umlauf war nun innc geworden, welchen Gast er durch seinen Frevel sichin's Haus geladen. Er ging, um den Nest seiner Tage der Buße zu widmen, alsLaienbruder in ein Kloster, nachdem er seine Schätze theils seiner Tochter, theils derKirche, seine Lieder aber insgesammt dem Feuer übergeben. Von daher rührt es, daßvon diesem berühmten Meister keine Zeile auf uns gekommen, was die Gelehrten heutenoch beklagen. Lisbcth, als sie sich von der Krankheit erholt, welche ihr der Schreckenzugezogen hatte, reichte ihrem Retter die Hand, und das war zweifelsohne das besteEnde vom Liede.
(Theurer Wein.) Der älteste Rheinwein in der „Rose" des Rathskellers zuBremen soll aus dem Jahre 1624 stammen. Eine jüngere Sorte ist vom Jahre 1668.Dieser Rheinwein kostet, wenn nur 6 Oxhoft zu 300 Thaler Gold eingekauft wurden,mit Zins und Zinses^ins, Lekkage und Ersatz mit 10 Procent seit 192 Jahren, dasOxhoft 5752 Millionen Thaler; die Flasche 22 Millionen Thaler; ein Glas (8 auf dieFlasche) 2'/-^ Millionen, und jeder Tropfen (1000 Tropfen auf ein Glas gerechnet)2750 Thaler.
Druck, Derlae und Redaktion des lilerarischen Instituts von Dr. M. Huttler.