Ausgabe 
28 (3.5.1868) 18
 
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Nr. 18.

3. Mai 1868.

Augsburger

Sonntags-Blatt.

Eine Bresche ist jeder Tag,

Die viele Menschen erstürmen,

Wer auch in die Lücke fallen mag,

Die Todten sich niemals thürmeu.

Göthe .

Sanct Marthelinä.

Eine Dorfgeschichte aus alter Zeit.

(Fortsetzung.)

Siehe da ein Ueberbleibsel aus der zerstörten Römerstadt, unter deren Trüm-mern wir stehen! Vermuthlich war es ein römischer Kaufmann, der sich hier Villa undGarten gegründet hatte, sich des erhandelten Reichthums zu erfreuen und die Tage seinesLebens zu vergeuden in flüchtiger Weltlust! Dieses Gebilde ist trotz der Zertrümmerungunschwer an dem geflügelten Hute zu erkennen: es ist Merkurius, welchen die Heiden inihrer Verblendung als den Gott des Handels verehrten! ... Es ist kunstvolle Arbeit,und auch ohne dieß wohl werth, daß Ihr dem Bilde ein Plätzlein gebt in einer Ecke desHofs ... es soll Euch ein Denkzeichen sein, eine stete Mahnung an die Vergänglichkeit!Sehet an dieß Gebilde es ist zertrümmert, ist vergangen! Wo ist der Bildner, der

eS geschaffen? Wo sind die Menschen, wo ist die ganze Welt, für die er es geschaffen?

Dahin! Vergangen! Verweht wie der Wind, der über die Erde fährt und ist seineSpur nicht zu finden! Und so vergeht Alles, was irdisch ist! So werden verschwin-den und vergangen sein alle Bilder und Zeichen bis auf das Eine, das allsiegende Kreuzunseres Heilands und Herrn! Und wohl dem," fuhr er fort, das Auge fester aufChriembert gerichtet, der noch trotziger und starrer da stand, als wolle er zeigen, daß esihm nicht in den Sinn komme, den freien Nacken zu beugen,wohl ihm, der sich willigunter dasselbe schmiegt und freudig, denn er wird inne werden, daß das Joch süß istund die Bürde leicht wer ihm aber zu widerstreben vermeint, dem wird der Herrden Sinn brechen, denn er hat die Gewalt dazu und die aus den Wolken weithin überden Erdball reichende Hand! Sprich, Jukunde, mein Sohn," redete er den ihm zunächst

stehenden Knaben an,sage, wessen Angedenken wir heute feiern im Kreise der christ-

lichen Gemeinschaft?"

Das Andenken von Sanct Bartholomäus, dem Sendboten und Blutzeugen," er-widerte der Knabe.

Und Sanct Bartholomäus," fuhr der Mönch in steigender Betonung fort,hattesich auch vom Herrn abgewendet in dem Hochmuth seines Herzens! Er war es, derim Stolze gesprochen:Was kann wohl des Guten kommen von Nazareth?!" Aberes kam über ihn die Stunde, wo ihm die eigene innere Kraft zerbrach, wie Schilf, aufdas er sich gestützt, und wo er es bekennen mußte, daß der Mensch keinen dauerndenStab und kein anderes Heil hat, als den Herrn! Und der erst getrotzt, ward der ge-schmeidigste Diener des Herrn und der ihn gcläugnet, bekannte ihn unter den Qualendes Todes und unter den Messern seiner Peiniger und Henker, die ihn schunden, rief ermit Frohlocken zu ihm ..."