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Plötzlich hielt der Eifernde mitten im Fluß der Rede ein und lauschte — von der ^Höhe des Hügels herab tönte es wie Saitenspiel, Flötenklingen und fröhlicher Gesang,befremdlich stimmend zu der feierlichen Ruhe der Nacht und den ernsten Worten desPredigers. Die Töne zogen von den Trümmern des Castells herab und schienen denschlangelnden Bergweg entlang immer näher zu kommen: ehe der Pater, dessen Blicke sichunwillig und strafend in der Richtung der Töne erhoben, die Frage ausgesprochen, tratEigel erklärend und wie entschuldigend vor und sagte: „Das sind die longobardischcn Ede-lingc, würdiger Vater, welche Herzog Dict und seinen Söhnen das Geleit gegeben,heraus aus dem Walchenland! Sie haben ein Gelage gehalten droben in der altenBurg und mögen jetzt abziehen, weil sie wahrscheinlich von der Höhe aus den Jagdzugdes heimkehrenden Herzogs gewahr geworden ..."
Der Mönch erwiderte nichts; seinen Zöglingen winkend, eilte er raschen Schrittesstromaufwärts, wo starke Bäume als Pfeiler in das Bette der Salzach eingerammtwaren, und ein schwankendes Balkenlager als Brücke trugen, unter welcher der Fluß,wie des Zwangs unwillig dahin schoß.
Sie waren kaum im Dunkel des jenseitigen Ufers verschwunden, als der fröhlicheZug bereits von Fackeln beschienen, auf den Terassen zwischen den Trümmern und Büschender römischen Siedelungen sichtbar wurde — laut und in ungebändigter Lebenslust: eshatte den Anschein, als wäre ein Theil der Bewohner der alten fröhlichen Römer-Colonicaus Gruft und Asche zurückgekommen, noch einmal eine bacchische Nacht zu feiern, wiesie einst so oft das nächtlich schlafende Echo der Berge geweckt. Die Gesellschaft imVorgarten des Eigelhofs trat vom Gehege etwas zurück: die Nacht und der noch dichtereSchatten einer Lindcnkrone, die sich in der Ecke erhob und ausbreitete, ließ sie dieVorüberziehenden beobachten, ohne selbst erblickt zu werden.
Dem Zuge voran schritten einige halbnackte Gesellen mit Cymbeln und Handpaukcn,die sie in ausgelassenen Sprüngen einher tanzend^ schüttelten, schwangen und schlugen;Musiker folgten, mit Kränzen von Eichenlaub im Haar, auf Flöten oder zweiteiligenZinken blasend, oder in den Saiten weitgebauchter Lauten spielend, während eine SchaarSänger, mit Rosen und kostbaren Blumen bekränzt, ein übermüthiges Weiulied sangen,des Inhalts, daß die alten fröhlichen Götter die Erde verlassend in den Olymp zurück-gekehrt seien, und daß nur zwei derselben bei den Menschen, ihren verwaisten Lieblingenzurückgeblieben, die Herrin der Liebe und der Gott des Weins.
Ein Jüngling, dem beginnenden Mannesalter nahe, eine hohe Gestalt mit schönem,von sinnigem Ernst überflogenen Angesicht schritt hinterher, im Mantel und Leibrock derBajoaren, auf der Brust ein gesticktes Schildlein von weiß und blauen Rauten, das diefürstliche Abstammung erkennen ließ. Es war Grimwalt, Herzog Theodos ältester Sohn.
Die nach ihm kommenden Jünglinge und Männer waren alle in weiße Gewänder geklei-det, weit bis über die Knie herabfallend und mit breitem Purpursaum besetzt; weiteweiße Beinkleider mit bunten Streifen umwickelt, reichten bis zu den Knöcheln herab,während im Gürtel ein reich mit Steinen besetzter Dolch blitzte und ein kurzes breitesSchwert an zierlichem Kettlein davon nicderhing. Es waren hohe wohlgebaute Gestaltenmit kühnen Köpfen und rothwangigen Gesichtern voll lachenden Uebermuths, blauenAugen und rothen Haaren und Bärten Das Haar war ihnen am Hintcrhaupte ganzkurz geschoren, während es von Stirne und Schläfen in langen, langen Locken undSträhnen bis aus den Bart und mit diesem bis auf Brust und Lenden herabfiel — einglänzender Reif hielt es an der Stirne zusammen, daß es nicht in wirrer Unordnung ,>durcheinander fiel.
„Das sind die Fremden, die Langbärte," flüsterte Eigel seinem Gaste zu. „DerLachende dort mit dem wie ein Stern funkelnden Stirnband ist Prinz AnSbrand, ihrkünftiger König, dem Herzog Diet zu Thron und Krön verhelfen gegen seinen wider-spenstigen Ohm ..., der männliche Recke hinter ihm ist Aistulf, sein Schwertträger und