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Deine Eide? Dachtest Du, mir heimlich zu entschlüpfen? Dachtest Du, ich würde Dichziehen lasten? War ich Dir nicht einmal der letzten Rede mehr werth, daß Du vormich hingetreten wärst, mir Stirn gegen Stirn zu sagen... fahr' wohl, Amalaswinth...ich bin Deiner überdrüssig."
„Was suchst Du hier?" erwiderte, sich rasch ermannend, der Prinz. „Ich wollteDir und mir den unvermeidlichen Abschied ersparen. . ."
„So?" höhnte sie grimmig. „Wolltest Du das? Und warum war der Abschiedunvermeidlich, Du zärtlich vorsorgendcs Gemüth? Sag' mir Deine Gründe, Mann,wenn Du nicht willst, daß ich unter die Mannen Deines Vaters trete, und ihnen dieMähre verkünde von Dictwalt, dem Bajoaren - Prinzen, der ein Verräther war undzehnfachen Meineid schwur!"
„Wahnsinnige!" entgegnete Dictwalt noch kälter. „Mäßige diese Wuth! Sie istes, die mein Herz von Dir abgewendet ... ich will nicht wie Jener in der alten Heiden-fabel an einen Fels geschmiedet sein und dem nimmer satten Geier Deiner Leidenschaftstündlich die Brust zum Zerfleischen bieten! Deine fürchterliche Wildheit ..."
„Fürchtest Du mich schon?" rief sie auflachend. „Zu frühe, mein feiner Prinz, zufrüh' . . . erst lerne mich kennen und dann beginne, und laß' in Deinem schuldbewußtenGemüth Grauen vor mir erwachen! Wisse denn, Dictwalt, wenn Du es noch nichtgewußt, da wo die Sonne den glühenden Wein reift, sind auch die Herzen der Frauenlautere Glut ... wir können nur lieben oder hassen! Noch — noch lieb' ich Dich!Hüte Dich, daß die Liebe nicht vollends erlischt und über ihrer Asche der Haß frei undfestellos auflodert ..."
Der Prinz machte eine Bewegung, sich zu entfernen; sie griff nach seiner Handund hielt ihn gefaßt.
(Fortsetzung folgt.)
Cine Heldin.
Das vor Kurzem erschienene Tagebuch der Königin Victoria ist ohne Zweifel einerder schlagendsten Beweise, wie sehr in unserer Zeit die öffentliche Meinung in ihrengröbsten Verirrungen durch die schlichte, einfache Wahrheit auf den rechten Weg zurück-geführt werden kann. Es ist ein höchst seltsames Buch, aus welchem die Freunde unddie Feinde der englischen Königin viel lernen können; — es ist mehr als ein einfachesTagebuch einer glücklichen Gattin und glücklichen Mutter — es ist ein Stück constitutionell-parlamentarischer Geschichte der Neuzeit; man kann daraus ersehen, was eigentlich einKönig von England ist . . . wahrlich kein bcneidenswerthes Loos und ein geistreicherDiplomat hat das rechte Wort für dieses merkwürdige Werk gefunden: O'est I'Iiistoliuen robs cks eliambre. (Es ist die Geschichte im Schlafrocke.) In ihrem Tagebucheschreibt Ihre Majestät am 21. October 1842:
„Soeben theilt man mir die mich tief bewegende Nachricht des Todes der armenGrace Darling mit."
Wer von unseren Lesern hat wohl je von dieser Grace Darling gehört, deren Toddie Königin von England so tief erschütterte? Denkt man nicht gleich an irgend einehocharistokratische Lady, die vielleicht mit der Königin erzogen worden, oder die sie genaugekannt hat? — Nichts von dem — Grace Darling war ein armes Fischermädchen,und gewiß cine der größten Heldinnen unserer Zeit.
Am 6. December 1838 sah man das Dampfboot „Forfarshire" mit verzweifelterEnergie gegen die Strömung kämpfen, welche eS gegen die steilen Felsen der Farne-Jnseln zog. Es war ein Schiff von dreihundert Tonnen, welches von Hüll nach Dundee ging und dreiundsechzig Mann an Bord hatte — den Capitän und seine Frau, zwanzigMatrosen und einundvierzig Passagiere. — Im Augenblicke, wo das Schiff sich in Sicht