von Flamboroug-Head befunden, hatte man ein Leck neben der Maschine entdeckt, undfast zu gleicher Zeit hatte sich der Wind nach N.-O. gedreht und heulte mit solcherWuth, daß die Pumpen unfähig wurden, des einströmenden Wassers Herr zu werden.
— Wenige Minuten später zeigt eine sich zischend erhebende Dampfsäule an, daß dasWasser in die Kessel gedrungen ist und beinahe augenblicklich nachher beginnt ein peitschen-der Regen mit solcher Macht das Deck zu bespülen, daß es fast unmöglich ist, sich darausaufrecht zu erhalten. — Wenige Minuten darnach spülte eine Welle den Steuermannüber Bord, das Schiff ist aller Leitung beraubt, das Unwetter nimmt von Sekunde zuSekunde zu und gegen vier Uhr Morgens stößt es mit einem fürchterlichen Gekrach aufeinen der hervorragenden Felsen der Farne-Jnseln. — Mehrere Matrosen stürzen in einenKahn und zwei Passagiere finden den Tod in den Wellen, indem sie ihnen nachwollen;doch als wenn diese schreckliche Empörung ler Natur noch nicht genügte, um das leckeSchiff zum Untergänge zu bringen, erhebt sich plötzlich ein Windstoß, wie man einengleichen wohl nie an der englischen Küste beobachtet, ergreift das Schiff, hebt es fußhochaus dem Wasser und schleudert es mit solcher alles vernichtenden Kraft auf den Felsen,daß es berstet, die eine Hälfie in die Fluth zurückgcspült wird und verschwindet und dieandere auf dem Felsen bleibt, den ewig hin- und herwogendcn Wellen ausgesetzt undaller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Augenblicken das Loos der anderen Hälftetheilend.
Eine Meile von den Felsen entfernt, auf welchem der „Forfarshire" den Unterganggefunden hat, erhebt sich der auf den Seekarten bekannte Felsen Longstone. Dieser Felsenist für die Schiffsahrt so gefährlich, daß die Regierung einen Leuchtthurm hat errichtenlassen, um die Schiffer vor diesen unheilbringenden Gründen zu warnen. Ein Mann,seine Frau und seine Tochter bewohnen diesen Leuchtthurm. Der Mann, William Dar-ling, ist ein alter Steuermann der königl. Marine, — seine Tochter Grace ist zweiund-zwanzig Zahre alt. Das Bildniß dieses Mädchens, welches in England wohlbekannt ist,stellt ein reizendes, junges Mädchen dar, groß und von graziösem Wuchs, — ein seltsamregelmäßiges Gesicht, von blonden Haaren eingerahmt und von großen, blauen, träumeri-schen Augen wie beleuchtet!
Beim Anbruch des Tages hat William Darling die Schiffbrüchigen auf dem Felsenbemerkt, hat ihre Lage erkannt . . . und erkannt, daß sie verloren sind. Er ruft seinWeib und sein Kind: „Laßt uns beten Ihr Frauen", sagte er, „dort drüben hält unserHerr ein strenges Gericht!" — „Kann man nicht mit dem Kahne hin", ruft Grace,„und die Armen retten?" — „Das hieße Gott versuchen", erwiderte der Nater, „hierkann kein Mensch helfen, man hätte kaum zehn Ruderschläge gemacht, so wäre unserelender Kahn-Kiel nach oben — horch, welch ein Sturm — welch Wetter — es ist wieam jüngsten Gericht!" — Grace läßt das Haupt sinken, fallet die Hände und bleibteinige Augenblicke in stummes Nachdenken versunken: dann verläßt sie, ohne ein Wortgesprochen zu haben, das Zimmer. — Wenige Augenblicke später stößt die Mutter einengrellen-Schrei aus: „William, das Mädchen bindet den Kahn los . . . sie will hinüber!"
— Der Vater stürzt hinunter und kommt gerade zur rechten Zeit an die kleine Bucht, als
Grace vom Ufer abstoßen will. Er springt in den Kahn, er will sie an ihrem Vorhaben
verhindern, doch sie beugt sich bis an sein Ohr und sagt: „Vater, ich würde keine ein-
zige Nacht mehr schlafen können, wenn ich nicht wenigstens versucht hätte, die Unglücklichenzu retten; . . . und Du auch nicht, Vater." — „Aber es ist ja unmöglich, Mädchen!"
— „Wenn Gott helfen will, ist nichts unmöglich, Vater!" Und damit hat sie sich der
Stange bemächtigt, und mit einem kräftigen Stoße ist das Boot vom Ufer. Der alteMann will noch einige Einwendungen machen; doch plötzlich gibt er auch die auf. „WieGott will", sagt er, „es ist ein elendes Leben in jenem Thurme,. . . und für die alte
Frau muß die Regierung sorgen, wenn wir im Magen der Fische liegen!" Und mit ge-