Ausgabe 
28 (10.5.1868) 19
 
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in freier Luft, der Wechsel ihrer Beschäftigung, die geselligen Freuden des Forstlebens,ferner daß die verzehrenden Leidenschaften deS Ehrgeizes, der Selbstsucht, der Verweich-lichung weniger veranlaßt sind, erklärt wohl dieses günstige Resultat.

Z) Die Schullehrer stehen im Grade ihrer Lebenshoffnungcn den beiden vorher-gegangenen Ständen am nächsten. Sie treten ein in das Greisenaltcr von 80 Jahrenmit 1,13 Procent ihrer Standesgcnosscn. Bei den Vorbereitungen zum Dienst sindkeine besondern Schädlichkeiten, in der Berufsbildung keine Strapazen, keine Gefahrendurch Wittcrungscinflüssc, ein Wechsel und freudige Anregungen im Tagesleben, beispärlicher Besoldung und Faniilicnsorgcn die stete Nöthigung zur Thätigkeit und eineAbhängigkeit und Disciplin, welche die egoistischen Bestrebungen des Wohllebens, desEhrgeizes und der Habsucht nicdcrhält.

4) Die Justizbcamten erreichen nur mit 0,77 Procent das hohe Alter.Sie haben im mittleren Alter keine ungewöhnliche Sterblichkeit, aber mit dem 60. Lebens-jahre vermehrt sich ungewöhnlich ihre Sterblichkeit. Ihr Stand ist ausgezeichnet durchbureaumäßigc Geschäftsübung; sie können meist eine geregelte Tagesordnung einhalten.Dieser Stand entbehrt aber mehr als alle andern der freudigen Momente in der Berufs-übung und ist mehr gedrückt, als andere Stände, durch die fortdauernde Begierde nachhöherer Gunst und Stellung. Solche Gemüthsstimmungen lähmen aber bei ihrer Fort-dauer Körper- und Geisteskraft.

5) Die katholischen Geistlichen haben eine alle genannten Stände über-bietende Sterblichkeit im mittleren Lebensalter vom 45. bis 66. Lebensjahre. Die großeMehrzahl derselben, 95 Proccnt, sind Kuratgcistlichc, welche in der äußern Seelsorge alsPfarrer, Caplänc, Coopcratorcn meist strapaziös beschäftigt sind.

6) Die Aerzte haben die wenigste Hoffnung eines langeu Lebens und die größteSterblichkeit in allen Altersklassen, unter allen Stünden; die extremste Sterblichkeit istim frühesten Alter ^ unterliegen schon vor dem 50. Lebcsjahre und vor dem60. Lebensjahre. Dem ärztlichen Berufe müssen in seiner Allgemeinheit Gefahren ange-hören, welche sich bei keinem Stande in solcher Größe wiederfinden. Schon die Vorbe-reitungen zum Berufe sind länger dauernd, anstrengender und die Gesundheit gefähr-dend. Der Beruf selbst aber ist von Anfang bis zum Ende ein ruheloses Treiben, einsteter Kampf mit den organischen und socialen Feinden des Wohlseins Anderer, und mitden Gefahren für die eigene Geltung. Körper und Geist werden gleichzeitig und oft biszur äußersten Grenze angestrengt; viele unterliegen der Ansteckung bei Krankheiten, meh-rere noch den Anstrengungen und Witterungseinslüssen im Tagesbcrufe und alle werdenin der Sorge niedergehalten um die Gefahren des eigenen Rufes und der ökonomischenExistenz. Es gibt keine Sinecuren, keine äußere Ehre, keine Unabhängigkeit in diesemBerufe, kein Verdienst, keine Sicherung der ökonomischen Existenz als im Gelingen derpersönlichen Geltung und Vorzüge. Von 100 in diesen Stand Eingetretenen erreichennur 26 das 50. Lebensjahr. Gegenüber diesen Erfahrungen gehört wahrlich Muth dazu,in diesen Stand einzutreten, und mehr Anerkennung sollte ihnen in dem kurzen Lebenwerden. Im Großen und Ganzen werden von keinem Stande größere und unbelohnteWohlthaten und Dienste der Menschheit täglich geleistet, als von Aerzten. Sie lernensich den Menschen und Verhältnissen am meisten accommodiren, und sind im Prinzipe undin der Praxis die humansten, erfahrensten und deßhalb nachsichtigsten Beurtheiln allermenschlichen Verhältnisse.