Ausgabe 
28 (17.5.1868) 20
 
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die gefundene Spur nicht mehr aus den Augen zu verlieren. Eben kam der voraus-trabende Reisige zurück, der Herrin zu melden, wie der Weg zwar mühselig und vollBeschwerde, aber völlig gefahrlos sei, wie er nicht vermocht habe, irgendwo die Spurn Pfcrdehuf oder Mannesfuß zu gewahren und wie eine kleine Strecke aufwärts ander Achc, welche ihnen aus dem Hintern Thale entgcgengesaust komme, eine ansehnlicheMühle zu erblicken sei, in welcher sich wohl eine Herberge für die Herrin und Unter-kunft für die Thiere hoffen lasse.

Die Reiterin vernahm nur halb die Meldung des Getreuen; sie hatte die Zügelangezogen, daß ihr Saumroß ruhig stand und sie besser den Tönen lauschen konnte,

welche eben jetzt noch klarer und bestimmter den Hügel herab vernehmlich wurden. Die

singende Stimme war schwach und hörte sich manchmal an, wie das Zittern einer vomLusthauch schwach berührten Saite: dann aber wuchs sie wieder und erklang voll undmächtig, wie die Stimme des Schwans, welche der Sage nach nie schöner, nie voller er-tönen soll, als wenn er sie mit der letzten schwindenden Kraft des Lebens erschallen läßt.

Sonderbarer Gesang," sagte Amalaswinth,ich verstehe die Worte nicht und dochklingen sie mir nicht unbekannt, es ist nicht die Sprache, die wir Langobarden reden,oder jene der Bajoaren ... es ist nicht Latein und doch hat es einen Anklang vonallem Diesem..."

Kennst Du die Mundart nicht?" erwiderte der Anführer des Zugs.Ich erinneremich wohl, sie schon vernommen zu haben es ist ein Gemisch aus den Sprachen,die Du genannt, o Domino und dort heimisch, wo römische Abkömmlinge Hausen, welcheden Gebrauch der neuen Heimat nicht gelernt und den der alten nicht vergessen haben..."

Wer mag hier wohnen?" fragte Amalaswinth.Höre nur, Alboin, die wunder-

bare Weise dieses Gesangs! Lautet sie doch beinahe wie feierlicher Kirchengesang imDome Sankt Zcno zu Verona ! Ich will hier bleiben: das Haus scheint räumlichgenug, um Platz für mich zu haben sucht Euch in der Wühle die Unterkunft, vonder Du sprichst, dann komm zurück, Alboin, und bleibe in meiner Nähe!"

Eben war sie im Begriffe, sich von Ihrem Thiere zu schwingen, als Placida denHöhenpfad herangewandclt kam, mit hochgeschürztem Gewand, eine schwere Korblast aufdem Rücken, einen starken Baumast in der Hand, der mit blanker Eisenspitze beschlagenzur unerläßlichen Stütze diente, bei der langen mühevollen Bergwanderung, von welchersie eben zurückzukehren schien.

Sei gegrüßt, Herrin. . . hast Du ein Verlangen, weil Du an diesem Hause an-hältst?" fragte sie freundlich, indem sie sich mit dem Rücken gegen den Zaun lehnte, daßihre Last auf denselben zu ruhen kam, und trocknete zugleich Staub und Schweiß desmühseligen Weges von der klaren Stirn und den leicht überröthcten Wangen.

Das Auge der Fremden ruhte forschend, aber mit unverkennbarem Ausdruck desWohlgefallens auf der kräftig schlanken Gestalt und der ganzen anmuthvollen Erscheinung.Bist Du die Frau des Hauses?" sagte sie dann.Wer ist es, der hier wohnt?"

Das Haus ist des Herzogs," erwiderte Placida,mein Vater, Angclus geheißen,ist sein Hausmaicr und wohnet hier."

Und ist darin Herberge und Imbiß zu finden für einen Gast und für eine Nacht?"fragte Amalaswinth.Ich bin eines fahrenden Kaufmanns Weib, der vorangezogen ist,nach Regensburg , Bernstein einzutauschen, der vom Nordmeer kommt ich zieh' ihmnach und führe ihm kostbare Geschmeide zu, Korallen und zierliche Kcttlein, woran auchDu wohl Gefallen haben wirst, wenn ich erst den Schatz vor Dir ausgebreitet..."

Laß' das, Herrin," entgegnete Placida bescheiden.Schmuck und Geschmeide istnicht für mich und für dies Haus es ist nicht mein Vaters Eigen, sondern ihm ge-liehen vom Herzog wir sind hörige Leute..."

Das will so viel sagen, als Sclaven?" rief Amalaswinth mit etwas befremdetemBück.Dein Wort und Wesen, Mädchen, ist nicht von Sclaven -Art... von welchem