Ausgabe 
28 (17.5.1868) 20
 
Einzelbild herunterladen

155

Geschlechte bist Du? Was für ein fremdartiger Gesang in diesem Hause? Welch' enrrSpraye ist die dieses Gesanges?"

Die unserer Vorfahren," antwortete Placida, indem sie sich aufrichtete und ihreLast wieder auf sich nahm.Sie haben die Sprache der Römer geredet, aber iu derfremden Umgebung, unter den Fremden, mit denen sie leben mußten, haben die Ge-schlechter, die seitdem dahin gegangen, die Sprache vergessen bis auf einige Wortebis auf einige Lieder, die wir zuweilen noch singen. . . Was Du vernimmst, Herrin,ist ein solches Lied!- Doch komm' herein, wenn es Dir gefällt, Deinen Fuß über dieSchwelle des unfreien Mannes zu setzen! Aufwärts an der Ache ist ein wohnlicherPlatz mit Bäumen und einer Mühle laß Deine Leute dort Unterkunft suchen u«dkomm herein..."

Amalaswinth rief Albion noch einige Worte zu und folgte der Voranschrcitende« i«das Haus.

Es war klein und dürftig, aber es erschien wohl erhalten und bot darum eiue»nicht unfreundlichen Anblick. Merklich abweichend von dem Gebrauch der umwohnende«freien Bajoarcn, welche ihre Gebäude innerhalb des Geheges nach Bedürfniß und Launestellten, waren hier die verschiedenen Räume zur Wohnung und Wirthschaft aneinandergerückt, daß sie ein nach innen geöffnetes Viereck bildeten, an den Regeneinfall und dasAtrium römischer Häuser erinnernd. Die Gebäude selbst waren ebenfalls zum grüßt«Theile aus Holz gezimmert, aber der rings laufende Unterbau bestand ans Feldstein«und Trümmern herabgerollter Feldstücke, durch einen harten Kalkvcrband zusammengehal-ten, der darauf hindeutete, daß in ihm sich ein Uebcrrest einer einst viel höher entwickeltgewesenen Kunst des Baues erhalten habe. Der Hofrauin war so gestellt, daß d«größten Theil des Tages hindurch ihn die Sonne zu bescheinen vermochte, und zu eine»angenehmen Aufenthalt gestaltete. Rings um die innern Gebäude, durch einen vorsprin-genden freien Fortsatz des Daches leicht gedeckt, zog sich ein breiter Gang mit festgeschla-genem Lehmboden; ein paar Stufen führten in den Mittelraum, iu dessen Morgeneckeeiniges Gewächs gezogen war, während die andere zur Aufstellung von allerei Geräth«schaften dienen mußte. Bei entsprechender Witterung war es möglich, sich hier d«ganzen Tag über aufzuhalten und die meisten häuslichen und wirtschaftlichen Arbeit«so zu sagen im Freien zu verrichten wieder ein Anklang an das Leben des Südens,der die niedrigen dunklen Gemächer scheuend, so lange als möglich unter offenem Himmelweilt und wirkt. Auch hier machten die dumpfen Stuben, welche zu den Seiteu de»lichtlosen, das ganze Gebäude in zwei Hälften scheidenden Ganges sichtbar wurden, eine«keineswegs einladenden Eindruck, aber wenn man aus dem Hglbdunkel rückseits iu deoffenen noch sonnenhellen Hofraum trat, ward das Auge von einem freundlichen Bild*behaglicher Ruhe überrascht und gefesselt: nirgends waren Spuren von Reichthum ödereauch nur Wohlhabenheit zu bemerken, aber überall bewährten sich Reinlichkeit und Sauberkeit, ein stilles Trachten nach Ordnung, ein feiner Sinn für gefällige Form.

Tritt in den Hof," sagte Placida,und laß Dir's gefallen, Herrin, zu warteq,bis ich meine Bürde abgelegt: ich habe Butter und Käse abgetragen von der Atmende,wo ich als Sennin wirthschafte . . . Der Vater ist nicht daheim, wie ich merke, uudwohl hinaus in den Wald, Holz zu fällen: es ist Niemand im Hause, als die alte ^ür- die sitzt, wenn das Wetter es erlaubt, den ganzen Tag auf dem Hofgang. . .^richtet,

Amalaswinth blieb auf der Schwelle stehen; gegenüber, in der nach Os-oerschauteMittag gewendeten Seite, war grüner Eppich emporgezogen uud schlang ^ GroßfürstDach, daß es aussah, als sei eine bewegliche Wand vorgestellt, oder ein,"rgrünes Tuch heruntergelassen. Dahinter wie in einer Laube saß oder kam'"- ^ss. Hoheit,thümliche Fraucngestalt, in ein graues, lang hinabwallendes Gewand gekle^"- esthnischweißem überreichem Haar, das losgelöst und regellos über Kleid und Uhr,

Boden herabhing. Das Gesicht war aschfahl und regungslos, die erlös,