156
grauer Decke überzogen, sahen starr vor sich hin in's Leere — die ganze Erscheinungin dem durch die Epheuranken gebrochenen Lichte war anzusehen wie ein lebloses Gebilde,aus grauem Sandstein gemeisselt.
Neben der Alten am Boden lagen die Ueberreste eines SaitenspielS, einer römischenLyra, aber beinahe unkenntlich durch Alter und Zerstörung: nichts war geblieben, als dasaus Erz gesormte Gestell, von Steg oder Saiten war nichts mehr zu erblicken —> eswar wie ein zerbrochenes Spielzeug, mit dem Kinder erst am meisten zu spielen freut,wenn es nur mehr ein Rest dessen ist, was es vorstellen soll. Für die Acchthcit seinerAbstammung bürgten die unweit davon an der Wand wie Trümmer einer Trophäe auf-gehangenen Waffen, eine niedere Bickelhanbc und ein kurzes breites Schwert vomnämlichen Ursprung.
Als Amalaswinth eingetreten, hatte die Greisin geschwiegen; jetzt, da Stimmen undTritte wieder verhallt, hob sich wie horchend das regungslose Antlitz, ihre lichtloscn Augenwandten sich der Gegend zu, von wo Beide gekommen: dann tastete sie wieder neben sich,faßte die zertrümmerte Lyra und begann darauf zu spielen, als habe sie Saiten unterihren Händen und hörte sie unter deren Berührung erklingen. Dazu sang sie einen Theildes Liedes wieder, das sie zuvor gesungen, aber so leise, als fürchte sie, darüber etwasvon dem zu überhören, was sich ihr nahe, oder als wolle sie es sich selbst vorsingen, esvor dem Vergessen zu bewahren.
Indessen war Placida wieder gekommen und hatte dem Gaste einen Stuhl gebracht,und vor denselben eine Decke auf den Boden gebreitet: auch hier mahnten das niedrigeGestell mit den übereinander geschwungenen Beinen, Farbe und Dauer des Gewebes a»die verschwundene Kunst und Pracht früherer Jahrhunderte. „Ruhe Dich aus, Herrin,"sagte Placida dabei, „das kleine Mahl, das ich Dir bieten kann, wird bald gerüstet sein— laß Dich von der Urahne nicht irren," fuhr sie fort, da sie Amalaswinth's Blickedahin gerichtet fand, „sie ist ruhig und thut Niemanden Leides..."
„Sie scheint sehr alt zu sein," bemerkte die Langobardin, „ich entsinne mich nicht,jemals solche Gestalt gesehen zu haben . . ."
„Wir kennen ihr Alter nicht," entgegnete Placida, „sie selber scheint es vergessenzu haben — mein Vater, der selbst schon hoch in Jahren, sagt, wie er noch ein Knabegewesen und in der allerersten Zeit, an die er sich noch erinnern könne, sei sie schonebenso alt und regungslos gewesen und sei da gesessen, wie heute, als ob die Zeit undder Tod sie vergessen hätten..."
„Sie ist wie ein Steinbild," flüsterte Amalaswinth, „wie Eine der Sibyllen, vondenen die Mythe kündet... fast könnte man ein Grauen empfinden bei ihrem Anblick..."
„Nicht doch," entgegnete Placida lächelnd, „sie ist gut und sanft — laß Dich durchihre Gegenwart nicht stören, Herrin — sie sieht Dich nicht, denn sie ist blind, sie wirdDein nicht gewahr, denn sie ist irren Geistes: sie merkt nicht, was um sie her geschiehtund lebt nur in ihren Einbildungen oder den Erinnerungen längst vergangener Zeiten..."
Ueberrascht hielt sie inne, denn mit feierlicher Würde hob sich die Greisin etwasempor und rief mit lauter voll tönender Stimme: „Meinst Du das. Du Kind der
-tten Stunden? Glaubst Du, ich bedürfe der Augen, um zu sehen? Glaube lieber,mehr schaue, als Du mit Deinen jungen Augen von gestern! Ich kenne siemit Dir gekommen ... es ist Vitcllia, die schöne Muhme aus Ostia ... ichnach un. ^ Stimme ... sie kommt endlich, uns den versprochenen Besuch abzu-"y ^Es ist lange, daß sie das versprochen: ich weiß nicht mehr wie lange —
^ von Ostia bis in die nord'schen Alpen ... Oh, so unendlich weit!"r "st ch trat näher, das Gemurmel der Alten besser zu verstehen, denn so laut.reyen vom Hcr,.^ gesprochen, sanken doch die folgenden immer mehr zum Gestufter und
Blick Dein Selbstgespräch herab.
^ ^ unsäglich weit," begann die Alte wieder und nickte mit traurigem