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Irühlingskunde ans Jeuische Wtk.
Zu Speycr am rauschenden deutschen StromVerkündet die zwölfte StundeDer Walpurgsnacht die Glocke vorn DomDem trauernden deutschen Bunde.
Da thun sich im Dome die Gräber aufDer deutschen Kaiser der alten;
Es kommen in ihrem Ornat heraufSich grüßend die hehren Gestalten.
Sie schreiten Paar für Paar herausIm fahlen Mondenscheine,
Durch düstere Straßen zum Strand hinausUnd steigen zu Schiff am Rheine .
Ein schwarzer Adler als Herold fleugt,>Das Rcichspanier weht so finster;
Vor Köln ans Land ihr Zug entsteigtUnd schreitet nach dem Münster .
Der Adler weiter nach Aachen ziehtUnd pochet an Karols Grabe,
Der steigt hervor mit Geisterschritt,
Mit Krone und Herrscherstabe.
Und wandelt nach Köllen, den Aar voranDer setzt sich aus Thurmeszinken,
Der Kaiser schreitet zum Dom hinan —
Da flimmert gespenstiges Blinken.
Der Dom ragt hell wie in Feuerschein,Beleuchtet die Stadt und die Runde;Viel öde Burgen funkeln am Rhein In mitternächtlicher Stunde.
Durchs weiland heilige röm'sche ReichIn allen Marken und GauenUnzählige Lichtlein, den Seelen gleich,Erglühen und sprühen zum Grauen.
Die Kaiser sich neigen im Dome drinDem hohen Ahnen zum Gruße,
Und beten mit ihm im Chor aus den Knie'nDem Hochaltare zu Fuße.
„Herr Gott, du Schirmer vom deutschen Land,Der Völker und Herrscher lenket!
Schwer schlägt das Volk deine starke Hand,Das deiner nimmer gedenket!
»
Zwietracht zerreißet sein Eingeweid,
Seit es mit Listen und LügenVon deiner Lehre Einigkeit,
Von Vätersitte gewichen.
So sende doch deinen Kämpen baldMit deinem geweihten Schwerte ,
Der wieder in Glauben und KaisergewaltDir einigt die deutsche Erde!"
Und wie sie geendigt ihr laut Gebet,
Die Riescnglocke sich schwinget.
Zu künden dem Reich was die Kaiser gefleht.Daß Nord und Süd es durchginget.
Und Kaiser Karol der zieht fürbaß.
Von allen ernstlich begrüßet.
Nach Aachen und steigt ins Gruftgelaß,Das ihm sich wieder umschließet.
Die Anderen wollen hinaus zum StrandUnd fahren flüchtig von hinnen —
Die Lichter erlöschen im deutschen Land,
Es dunkeln Burgen und Zinnen.
Zu Spener voni Dome die Glocke ruftDcS MaimoudS erste Stunde,
Da steigen die Kaiser in ihre Gruft,
Sich grüßend mit stummem Munde. —
O Deutschland, heiliges römisches Reich ,Dein Mai auch nahet sich wieder;
Du schläfst wohl lange schon todtengleich.Doch Gott schaut auf dich hernieder!
Seit Kaiserhand legte den ersten SteinZum heiligen Dom von Köllen 2)
Hat dich gestürzct in Schmach und PeinDie finstere Macht der Hollen.
Drum wallfahren in der WalpurgisnachtZum Dom die Kaiser und flehen —
So hoffe den Lenz, da mit Gottes MachtEin Netter wird erstehen!
Den letzten Stein von des Kaisers HandDem deutschen Dome vereinigt,
Dann stehst du gewaltig, o VaterlandIn Glauben und Liebe geeinigt!
kiuäohcki Hoeckvr.
') Diese Glocke wurde »nno 1447 aufgehängt und wiegt 22400 Pfund.
-) Am 14. August 1248 wurde der Grundstein zu diesem Wunderbaue gelegt vonErzbischof Konrad von Hochsteden, Kaiser Wilhelm von Holland und dem päpstlichen Legate».Der erste Werkmeister und muthmaßliche Urheber des noch vorhandenen Plans, nach welche«immer fortgebaut wird, hieß Gerhard.