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Kirchliche «nd Civiltrauung.
Lieblich in der Bräute Locke»
Spielt der jungfräuliche Kran;,
Wenn die hellen KirchenglockenLaden zu des Festes Glanz.
Schiller.
Der 30. Mai (1837) war zum Tag der Vermählung (des Herzogs von Orleans-mit Helene Louisc, Prinzessin von Mecklenburg-Schwerin ) bestimmt, welcher Vermählungnach der Sitte des Landes zuerst die Civiltrauung in der Gallerie Heinrich II. (zu Fon-tainebleau) voran ging. Um halb neun Uhr erschien der König (Louis Philipp ) mitder Prinzessin Helene am Arme, gefolgt von der ganzen Familie, so wie von ihrerzahlreichen Umgebung. Die Minister, Marschälle, Pairs und Deputirten, die Muni-cipalität, die Generale und viele Eingeladene waren versammelt; das Brautpaar hatteseine bestimmten Zeugen, namentlich die Prinzeß den Herrn von Rantzau, Hofmarschallihrer Frau Mutter der Erbgroßhcrzogin, Herrn von Brcsson, den französischen Gesandtenin Berlin, welcher die Heirathsuntcrhandlungen gepflogen und den Herzog von Broglio ,der sie auf deutschem Boden abgeholt hatte.
Der Kanzler, Herzog des Caseslas, nahm während einer erwartungsvollen Stille, mitfeierlichem Tone den Civilalt vor, worauf er den Herzog von Orleans fragte, ob ergesonnen sei, Helene Louise Elisabeth von Mecklenburg zur Gemahlin zu nehmen. DerPrinz wandte sich ehrerbietig zu seinem Vater und auf dessen zustimmende Bewegungerwiderte er dem Kanzler mit fester Stimme: „Ja mein Herr." Auf die ähnliche Fragean die Braut wandte auch diese sich zu ihrer Frau Mutter und sprach nach erhaltenerEinwilligung von dieser ihr ;,Ja, mein Herr" mit bewegter Stimme. Hierauf wurdendie Aktenstücke in gebräuchlicher Form unterschrieben und hicmit war der Civilakt derbürgerlichen Ehcverbindung geschlossen.
Nicht ohne Ursache haben wir seinen ganzen Verlauf beschrieben, hier wo er auchdurch eine warme Theilnahme der höchst gestellten Persönlichkeiten einen besondern Glanzerhielt, um von den Gefühlen einer Seele zu reden, welche gleichwie hinter den Cou-lissen ein thcilnchmcndcr Zeuge der ganzen Feierlichkeit dieses Tages war. „Ich bin nieein Freund jener Theaterstücke gewesen, in denen ein biblicher Gegenstand, ein Heiligesauf die Bühne gebracht wird, vielleicht vor die Augen der Bewohner einer Stadt, welchedurch Carncvalsbclustigungcn noch umnebelt sind. — Von den Arien solcher Theaterstückekenne ich weder den Text noch die Melodie, mein Inneres kann deßhalb nicht in denGesang einstimmen, so gerne nnd so leicht ich in jeder Dorfkirche in den Ton derGesänge und lauten Gebete einstimme."
Das Gefühl von der Heiligkeit, Unauflöslichkcit des rechten, Gott geweihten Ehebundeskaun in der Seele keiner anderen Braut lebendiger und mächtiger gewesen sein, als inder jungen Fürstin, welche hier auf eine Führung ihres Lebens zurückblickte, die nichtvon Mcnschenmacht und -Willen sondern von Gottes Gnade und wunderbarem Rath ge-leitet war. Ihre Ehe war im Himmel geschlossen und daß sie dieses sei, das sollteMund und Herz lant und öffentlich vor Gott und Menschen bezeugen.
Aus der Galerie Heinrich II., darin der Civilakt der Trauung vollzogen worden,begab sich die hohe Versammlung in die große Kapelle Heinrich IV. Der Bischof vonMcaux in pricstcrlichcr Würde hielt eine sehr ergreifende Rede und verrichtete die heiligeHandlung der Weihe des Ehebandes in christlichem Geiste. Die Namen des hohenPaares wurden in das Kirchenregistcr eingetragen.
Etwas neues in den Gebräuchen des französischen Königshauses geschah jetzt noch. Diehohe Versammlung wurde in einen Saal geführt, der als Louis Philipps-Saal benanntwar. Hier fand sich ein Altar, mit rothen Sammctdecken behängen, ein Crucifix standzwischen vier brennenden Kerzen nnd vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel; der Vielen