Ausgabe 
28 (24.5.1868) 21
 
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schleichen bis nach Rom ... zu sehen, ob auch die ewige Stadt vor den Barbaren ge-fallen und uns die Kunde zu bringen, oder wieder zu kommen um Vater und Tochter,denen er das Leben dankte, mit sich zu führen in die gemeinsame südliche Heimat..."

Und er ist nicht wieder gekommen?" rief Amalaswinth mit kaum verhehltemSpott.Und Lucia wartet noch?"

Lucia wartet," flüsterte die Alte, und suchte wieder nach der Lyra .Er wirdkommen er hat es geschworen. . . Ach, es ist so weit von Rom bis in die norischenAlpen. . . ach, so unsäglich weit!"

Amalaswinth lachte auf.

Du glaubst nicht an Wort und Schwur, Herrin?" fragte Placida, deren Blickbefremdet nnd wie erschreckt auf der kühnen Langobardin ruhte.

Ich glaube doch nicht an Wort und Schwur eines Mannes, dem Weibegegenüber.. . Und auch Du, Mädchen, glaube nicht: nimm als erstes Gastgeschenk denRath von mir Deiner Ruhe willen, Deinem Glücke zu lieb, glaube nicht! Wer eSthut, wird zur kindischen Thörin und kann mit dieser auf den Retter warten!"

Sie wartet noch," entgegnetc Placida sanft,weil sie nicht mehr zu denken ver-mag: es ist ihr entschwunden, daß er längst todt sein muß, daß er wohl den Barbarenin die Hände gefallen und verunglückt ist daß er nicht mehr kommen kann!"

Und daß er nicht kommen wollte, so lang er es noch gekonnt!" rief Amalaswinthbitter.Sag' es nur heraus andere Bande haben ihn dort gefesselt und festgehalten...er hat im glühenden Rom vergessen, was er im eisigen Norden geschworen?"

Ich weiß es nicht," sagte Placida,die Urahne hat es nie gesagt... sie wirdüber sein Ausbleiben getrauert haben, bis die Trauer zur Schwermuth geworden unddie Schwermuth zum Irrsinn . . . dennoch ist diese Hoffnung ihr einziges Glück . .

DaS nennst Du Glück, Närrin? Du bist wohl auch wie diese gesinnt, undwürdest warten, wie Lucia?"

Hätte ich geschworen, ich würde halten, was ich gelobt. .. darum glaube ich auch,daß mir gehalten würde, was mir geschworen wäre. . . Glaubst Du das nicht auch,Herrin? Würdest Du nicht auch handeln, wie Lucia?"

Ich?" rief Amalaswinth mit blitzfunkelnden Augen.Ich wäre nicht ruhig gesessenund hätte gewartet. . . und wenn ich mich als Magd verdingen müßte, und müßte alsBettlerin durch die Lande fahren, ich wäre auf und hinaus! Ich wäre seiner Spurgefolgt, und hätte nicht gerastet, bis ich ihn gefunden, ihn herausgerissen aus seinem ver-brecherischen Glück, und in seiner Verzweiflung, seinem Tode vollauf meine Rachegesättigt ..."

Herrin," rief Placida erbleichend,ich bin eine Christin... Du nicht auch?"

Zweifelst Du daran?" rief Amalaswinth entgegen.Weil ich mich rächen will?Wenn Rache Sünde ist ich will sie gut machen, will bereuen . . ., ich will sogarverzeihen und für den Verlorenen beten aber erst muß mein Haß an ihm gekühlt,erst muß das Maß der Vergeltung voll für ihn gerüttelt sein . . . Meine ganze Zu-kunft, mein Leben, jede Stunde in ihm soll Gott und seinem Dienste gewidmet sein zaber diesen Einen Augenblick muß er mir lasten, diese Sekunde nur muß mir gehören!"

Die Greisin hatte inzwischen, ihrer nicht bewußt wie vorher, auf den eingebildetenSaiten der Lyra gespielt: sie war wieder das Kind, das sie zuvor gewesen. Jetzt erhobsie sich und schritt, an der Wand fort tastend, in eine der Kammern des Hauses.Lucia sucht ihr Lager auf," sagte Placida, welche Amalaswinth mit steigendem Befrem-den betrachtet hatte,wäre sie noch ihrer Sinne Herr, sie würde Dir für den Eiferdanken, womit Du Ihres Geschickes Dich angenommen. Es scheint, der Vater willnicht mehr «ach Hause kommen . . . erlaube, daß ich des morgigen Tags und seinerMüheu gedenkend, auch Dir die Ruhestätte anweise..."

Sie geleitete die wortlos folgende Fremde in ein kleines, nicht unfreundliches Ge-