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mach, dessen Lager mit Wilddecken und Tüchern zu angenehmer Ruhe recht wirthlichbereitet war. In einer Wandnische brannte eine kleine Lampe, aus Erz geformt, eineSchale darstellend-, um deren Fuß sich eine Schlange wand, so daß der Schweif denHandgriff bildete, während aus dem vorgestreckten Rachen die kleine Flamme spielte. DieLangobardin ließ den frommen Nachtgruß der Wirthin unerwiedert — auch deren Schrittverhallte bald in der allgemeinen Nachtstille, die groß und feierlich über den riesigenBergen und dem winzigen Hause zu ihren Füßen sich ausbreitete. Draußen kam großund voll der Mond durch das blaue Luftmeer geschwommen — nur hie und da vonleichtem Aufrauschen der Bäume auf der einsamen Fahrt begrüßt oder angerufen von demSchrei eines wilden Gethiers in der fernen Bergwildniß.
Die Sterne waren noch nicht weit vorgerückt, als ein Mann behutsam und docheilfertigen Schritts den mühsamen Hochpfad einher kam, welcher, meist zum Viehtriebbenützt, sich längs der Halde in nicht unbeträchtlicher Höhe dahinzog. Oberhalb desWalchenhauses angekommen, lenkte er von dem Pfade und kam vorsichtig quer durch dasthauende Gras, das sich geräuschlos unter seinen Tritten beugte. Etwas gebückt schlicher dann an der Wand des Hauses hin, bis unter ein Fenster, das sich thalabwärtsgegen die aneinander rückenden Berge öffnete, über deren Einschnitt der hohe Göll wieein nordischer Eisriese in bleicher Majestät das eisgekrönte Steinhaupt emporhob.
Das Fenster war noch nicht geschloffen. Placida hatte ihr Nachtgebet verrichtet,aber der Schlaf, der sie sonst immer gleich mit den letzten Worten und Gedanken des-selben zu umarmen Pflegte, wollte trotz der ermüdenden Bergwanderung nicht auf sie her-niedersinken: war es die Begegnung mit der fremden so wildgemuthen Langobardin —war es die Erzählung der Urahne oder die Erinnerung dessen, was sie in den letztenTagen selbst erlebt — die Ruhe kehrte nicht ein in dem kleinen Kämmcrchen und derBewohnerin war nichts übrig geblieben, als an's Fenster zu treten und zu versuchen,ob ein Blick in die stille ruhige Klarheit, die draußen waltete — ein Athemzug von ihrden Frieden nicht auch zu ihr herein tragen werde. Sie lehnte an der Fensternische, vonaußen nicht sichtbar.wohl aber vermögend. Alles zu sehen und zu hören, was dort geschah.
Sie vernahm den leisen Tritt, der schleichend näher kam. „Sollte der Vater Hochnoch heim kommen," dachte sie, gab aber den Gedanken eben so schnell auf, denn derVater würde nicht von der Seite, nicht heimlich, sondern offen zum Eingänge kommen;sie wollte eben vortreten, wollte anrufen und fragen, als ein Seitenblick ihr die Gestaltdes neben dem Fenster sich Aufrichtenden zeigte und der Ausruf „Markulf" halblaut denüberraschten Lippen entschlüpfte.
„Ja — ich bin es, Placida," sagte der Jüngling, indem er unter das Fenster andas Gemäuer trat, „erschrick nicht vor mir und zürne nicht, daß ich mich erdreiste.Deine Nachtruhe zu stören. . . aber ich konnte nicht anders, ich muß mit Dir reden...»
„Und darum kommst Du bei Nacht?" fragte Placida scharf entgegen. „Wenn Dumit mir reden mußt, so finde bei Tag den Weg! Wa^Du mir heimlich, bei Nacht,einherschleichend wie ein Räuber, zu sagen denkst, begehr' ich nicht zu erfahren!"
„Zürne nicht," flüsterte Markulf, „ich konnte nicht anders — ich vermochte nichtfrüher zu kommen, ich würde auch morgen bei Tage nicht kommen können — vielleichtauch den folgenden Tag noch nicht ... das hätte ich nicht zu ertragen vermocht; den»ich muß Gewißheit haben, eh' ich einen Fuß weiter setze! Ohne im Laufe anzuhalten,komm' ich von der Salzburg herüber — ich soll des Herzogs Sohn, Prinz Dietwalt,morgen auf den Kaunstein geleiten und sein Führer sein auf der Steinbock - Jagd . . .Du siehst also, ich konnte nicht bei Tage kommen und vorgestern weißt Du wohl, daßes mir unmöglich war, bei der Almende zu landen — der Vater hatt' es mir verboten..
„Was entschuldigst Du Dich?" rief Placida, sich selbst zu künstlichem Unmuth er-regend: sie wußte das, denn sie fühlte nur zu wohl, welche Gewalt seine heißen drän-genden Worte über sie zu üben begannen. „Hast Du Dich zu verantworten vor mir —