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der Sohn des freien hochmüthigen Barschalken vor der hörigen Tochter des verachtetenRömlingS? Hab' ich begehrt, daß Du bei mir landen sollst? Ich habe nichts mit Dirzu verkehren — darum geh' und komm am hellen Tage wieder, wo Bein Vater cSsehen kann und Deine freien Genossen, daß Du ;u der Leibeigenen kommst..."
„Sei nicht so ungestüm mit mir," bat der Jüngling entgegen mit dem ein-schmeichelndsten Tone, den er der rauhen.Zunge abzugewinnen vermochte, „sei nicht sohart — ich scheue mich ja nicht: ich will zu Dir kommen, offen, bei scheinender Sonneund vor siebenmal sieben Zeugen. . . antworte mir nur auf meine einzige Frage!"
„Es gibt keine Frage, auf die ich Dir zu antworten hätte — geh ... "
„Verstelle Dich nicht, Placida — mache Herz und Zunge nicht rauher, als siesind... Du mußt es längst wissen, daß es mich zu Dir zieht, wie den Hirsch zumWalde — daß ich Dich liebe und nicht mehr von Dir lassen kann, nicht mehr als mitdem Leben! Ich habe nie ein Hehl daraus gemacht und Du wußtest es auch und schienstnicht zu grollen, wenn ich kam, an Deiner Sennhütte zu pochen ... Du schienst mirauch gewogen zu sein..."
„Kann ich dafür, wenn Du solche Dinge träumst?" rief Placida erwärmend.„Wie soll ich Dir gewogen sein? Die Hausfrau für den Hof in der Schönau suchstDu nicht in dem unfreien Hause des Walchcn . . . denkst Du, die hörige Dirne sollDir zur Kurzweil sein?"
„Höre mich, Placida," unterbrach sie Markulf mit feurigem Eifer, „ich will meinesVaters Erbe nicht, wenn ich es nicht mit Dir theilen kann! Ich will den Hof in derSchönau eh' mit dem Rücken ansehen und in's Elend ziehen, eh' ich darin Hause niiteinem andern Weibe! Ich will fort! Will als Kricgsmann ausziehen auf Fahrten undAbenteuer — dann, wenn ich genug der Schätze erworben, genug an Ruhm und rothemGold — dann will ich wieder kommen, will Dich frei machen und heimführen vonDeinem Vater und Deinen: Herrn als mein liebes Weib, als meine wahre freie Hausfrau!"
Das Mädchen schwieg einen Augenblick; mit jedem Augenblicke wurde der Kampfder mühsam zurückgehaltenen Neigung mit dem beherrschenden Verstände heftiger, mit jedemHerzschlage begann die Herrschaft des Lctztern mehr und mehr zu schwanken — dieNachricht von seinem Vorhaben, die dringende Innigkeit seiner Worte ergriffen sie mächtigund ließen den Athem in ihrem Busen stocken.
„Du schweigst? Zweifelst Du, weil Du nichts entgegnest?" begann Markulfwieder. „Sieh', ich komme so eben vom Herzog — ich war seit gestern bei ihm undhabe ihn gebeten, mich als Kriegsmann in seine Gefolgschaft aufzunehmen: mein Vater,der auch dahin gekommen, hat es hintertrieben. .. Der Herzog will, daß ich bleibensoll! Aber ich bleibe dennoch nicht — ich ertrag' es nicht, hier zu leben, in Deiner
Nähe und doch ohne Dich... ich gehe heimlich von dünnen, will ausführen, was ich
mir gelobt und will Dich mir erobern . . . noch diese Nacht fahr' ich von hinnen: sagemir nur ein einziges Wort der Ermuthigung, Placida: sage, daß es nicht wahr ist,was mein Vater mir von TÄ berichtet hat!"
„Und was hat Dein Vater berichtet?" fragte sie mit beklommenem Tone.
„Daß Du mir abgeneigt bist!" erwidcric Markulf fliegenden Athems. „Daß Dukeinen Theil habest an mir. . . daß ich Dir nicht mehr bin, als jeder andere Waidmann
und Bergfahrer, der als Gast in Deine Hütte tritt. . . Nicht wahr, Placida, das hast
Du nicht gesagt?"
Placida kämpfte noch immer, noch schmerzlicher mit sich selbst: die volle Schweredes Augenblicks lastete auf ihr, sein Gewicht machte die Schale ihres ganzen Lebens zurEntscheidung sinken oder steigen. . . sie schwankte noch eines Pulses Dauer, dann hattesie sich zusammengerafft und, sagte mit gelassenem Tone: . . . „Ich hab' es gesagt . . ."
„Aber cS war nicht Dein Ernst!" rief Markulf auflodernd. „Es kann Dein Ernstnicht gewesen sein... ich kenne meines Vaters trotzig Gebühren, er wird Dich bedrängt