Ausgabe 
28 (24.5.1868) 21
 
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»on dieser schon viel zu Grunde gegangen und zu Grunde gerichtet worden. Schön,wirklich schön nach den Regeln eines edlen Geschmackes kann man diese Schöpfung des18. Jahrhunderts weder im Einzelnen noch im Ganzen nennen, aber Alles zusammen-genommen, die Größe und Mannichfaltigkeit des Baues, der ungeheure Reichthum derAusschmückung macht in ihrer Gesammtheit einen wahrhaft großartigen Eindruck. Obwohlheute unzählige Wandgemälde übertüncht, viele Skulpturen vernichtet und mancher beweg-liche Schmuck aus dem Schlöffe entfernt worden, bedürfte es doch vieler Tage, wenn manAlles in Augenschein nehmen wollte. Die zwei Hauptgebäude, die sogenannten Oorpscko 1>o§68, sind durch 16 Nebengebäude zu einer Hauptmasse verbunden, auf diese Weiseentstehen mehrere Höfe, und von diesen Höfen ist einer beinahe 600 Fuß lang und über200 Fuß breit. Und in diesem gewaltigen Gebäude entfaltet sich ein so bunter Reichthuman Gemächern jeder Art, Sälen, Galerien, Gängen, Treppenhäusern, Kabineten,Kapellen :c., daß man nicht einen einzigen, sondern eine ganze Reihe von Palästen zudurchwandern glaubt, eine ganze Welt voll Pracht und Verschwendung. Und das Interessantean dieser Welt ist, daß sie nicht die gewöhnliche Pracht zur Schau trägt, der manimmer wieder und wieder in den Königsschlöffern begegnet, und welche den Besuch dersel-ben geradezu langweilig machen daß sie im Gegentheil ihren eigenen Stempel undCharakter trägt, der unverwischbar scheint. Indessen gibt es auch hier Hauptstationenund einzelne Gegenstände, die sich besonders hervorheben und den Besucher vor Alleminteressiren müssen. Nach langer Wanderung durch unendliche Gemächer und an unzähli-gen mythologischen und historischen Gesichtern vorbei traten wir in eines der reizendstenSchlafgemächer, das die Phantasie nur ersinnen kann. Die Fenster blicken hinab in dastiefe Thal, das hier der Park bildet, und hinaus gegen Marbach zu, auf den maleri-schesten Theil der Umgebung von Ludwigsburg. Das Schlafgemach selbst ist von untenbis oben und an der Decke mit unzähligen Spiegeln und Spiegelchen ausgelegt, zwischenwelchen sich Holzschnitzereien wie Ranken hinschlingen in der malerischesten Unregelmäßig-keit. Der Herzog, wenn er hier im Bette lag, sah seine theure Persönlichkeit sowohlwie die schöne Natur, die zum Fenster hereiublickte, tausendfach vervielfältigt. Nur eintausendfacher Narcissus seiner Person wie seiner Freuden konnte sich ein solches Schlafgemacherfinden; xs athmet nur Lust und Selbstgenngen. Und gerade dieses reizendste Gemachist das unheimlichste des ganzen Schlosses. Hier starb Herzog Karl Alexander an einerähnlichen Halskrankheit, wie Kaiser Paul von Rußland. Es steht in wenigen offiziellenwürtcmbergischen Geschichtsbüchern, es ist aber darum nicht minder gewiß, daß die treueLandschaft ihn hat erdrosseln lassen wenn wir nicht irren, im Jahre 1736 ausBcsorgniß für den evangelischen Glauben, da Herzog Karl Alexander katholisch gewordenund es hieß, daß er auch sein Land der alleinseligmachenden Kirche zuführen wollte. Inden alten Rechnungsbüchern der Landschaft findet sich unter den Ausgaben höchst gewissen-haft der Posten verzeichnet: an dem Henker für dem Staate treulich geleistete Dienste50 Gulden. Wie billig! Der Henker verließ des Abends Stuttgart , und am folgendenMorgen wußte man zu Ludwigsburg, daß der Herzog plötzlich gestorben. Der Kam-merdiener, der neben dem Spiegelgcmache schlafen sollte, war zufällig abwesend; ebenso fehlte zufällig die Wache unten an der Treppe, die sonst jede Nacht da zu seinPflegte. Denkt man sich eine Lampe oder das Morgenlicht in das Schlafgcmach, wirddie That um so unheimlicher. Tausendfach mußte der Herzog seinen Mörder sehen,umgekehrt wie jener Vatermörder, von dem man erzählt, daß ihn die Inquisitoren vonVenedig mit der Leiche seines Vaters in einen Speiscsaal eingeschlossen. Wie sehr habensich seit Herzog Karl Alexander die Zeiten geändert! In unsern Tagen gingen zweiwürtembergische Prinzen zum Katholizismus über, und es krähte kein Hahn danach, undim Landesausschuß hätte Moriz Mohl gewiß dagegen protestirt, wenn man, auch nur«m diesen Uebertritt zu verhüten, bloß 25 Gulden aus der Tasche des Volkes hätteverschwenden wollen. Einer anderen tragischen Geschichte jedes echte Königsgeschlecht