Ausgabe 
28 (24.5.1868) 21
 
Einzelbild herunterladen

167

muß ja mehr oder weniger ein Atridengeschlecht seyn begegnet man in der Familien»Galerie. In diesem langen Saale rechts und links hängen die Bildnisse der würtember-gischen Regenten von Eberhard im Bart angefangen bis auf den vor 3 Jahren verstor-benen König Wilhelm und diejenigen Fürstinnen, welche dem Lande einen Thronfolgergegeben. Es rst zwar interessant, einem Herzog Ulrich, dem Mörder seines Freundes,einem Herzog Christoph , dem Befestiger der Reformation, und andern iu's Gesicht zusehen, aber von Schönheit und auffallender Bedeutsamkeit ist weder bei den Regentennoch bei ihren Frauen die Rede. Unter den Ersteren zeichnen sich mehrere sogar durchausgezeichnete Häßlichkeit aus. Nur am Ende der Galerie fesselt ein weibliches Porträtvoll Milde und Anmuth Schritt und Blick des Besuchers und gerade diese einzigePersönlichkeit, die hier Sympathie einflößt, hatte ein räthselhaft trauriges Schicksal.Es ist das die Mutter des verstorbenen Königs, Maria Karolina von Braunschweig,über deren Lebensende selbst ihr Sohn, der König, wie man sagt, sich niemals Gewiß-heit zu verschaffen vermochte. An den, brutalen und unnatürlichen Lastern hingegebener»Prinzen Friedrich, den nachmaligen ersten König von Würtcmbcrg, verheirathct, soll siesich, wie die Sage erzählt, als ihr Gemahl noch Gouverneur von Finnland war, unterden Schutz ihrer mütterlichen Freundin, der Kaiserin von Rußland , gerettet und diesesie dem widerwärtigen Gatten mit Gewalt entzogen haben. Man erzählt ferner, daßsie sich später unter anderem Namen an einen russischen Großen verheirathct und in derZurückgezogenhcit ein glückliches Leben geführt habe. Wieder andere behaupten, daß siein einem russischen Kloster endete. In Würtcmbcrg selbst bringt man ihre Geschichte mitjener gcheimnißvollen in Verbindung, nach welcher der Stlaßburger Scharfrichter mitGewalt aus seinem Hause entführt und nach mehreren Tagereisen in ein unterirdischesGemach gebracht worden, wo man ihn zwang, einer schönen Frau den Kopf abzuschlagen.Thatsache ist, daß die schöne und liebenswürdige Prinzessin spurlos verschwand und daßihre Geschichte, wie man versichert, trotz aller Anstrengung, sie aufzuhellen, bis auf denheutigen Tag in tiefstes Dunkel gehüllt ist. Was uns in dieser Fanülien-Galerie fernerauffiel, ist der Umstand, daß nur noch für ein einziges Porträt Raum da ist, was unsnothwendig ominös erscheinen und an den Römer in Frankfurt , wie an den Dogensaalin Venedig erinnern mußte, wo mit dem Raum für die Kaiser und für die Dogen auchdie Zeit für die Dogen-und Kaiserherrlichkeit zu Ende ging. Aber auch unsere Zeitspielte noch kleine Stückchen Geschichte in Ludwigsburg ab. Im Jahre 1848 flüchtetesich auch König Wilhelm, um seiner illoyalen Residenz Stuttgart eine. Lektion zn gebenin diesenSchmollwinkel" der wüctembergischen Regenten, und hier war es in demgroßen Fcstsaalc, wo er alle seinen hohen Offiziere versammelte und in einer Rede beiihnen anfragte, was er es war schon im Jahre 1649 von ihrer Loyalität demrevolutionären Volk! und der Ncichsverfassung gegenüber zu erwarten hätte? Sie ant-warteten mit dem Rufe:Es lebe der König und die Reichsverfassung!" Daralif wen-dete ihnen der König den Rücken und verließ den Saal. Die Folge dieser Scene wardie ossicielle Anerkennung der Reichsverfassung. In diesen selben kritischen Tagen soll,wie man erzählt, König Wilhelm den Aspcrg hinauf gestiegen sein, um sich bei dem be-rüchtigten Journalisten Elsncr, den er gekauft hatte, Raths zu erholen. Ob ihm da,als er das steile Schwitzgäßchen hinaufstieg, nicht schlimmer zu Muthe war, als einigeWochen später den Demokraten, die er nach besiegter Revolution denselben Weg hinauf-transportircn ließ? So sind wir mit großen Sprüngen in unserer Zeit angelangt, diein Ludwigsburg, da es zu einem bloßen Wittwensitz geworden, aufhört, interessant znsein. Mit einem gleich großen Sprunge begeben wir uns in die Anlagen rings herum,uur um überall Verfall und Ruin zu konstatiren. Der See versumpft, die Treppenverschieben sich, die Geländer sind zerbrochen, die Katarakte träufeln, die Grotte Pansi-lippo ist ein dumpfes, feuchtes Kellerloch, und iu der Emichsburg, der künstlichen Raine,wimmern die Acolsharfen wir wisse» nicht, ob über diesen Verfall oder als Nachklänge