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Schlucht eines Bergquells gelangen, der gegen das Landthaler-Thal abstürzte. Wer drhinüber kletterte, den mochte wohl wider Willen der Gedanke und mit ihm ein stille»Grausen beschleichen, daß es vielleicht nur eines einzigen SteinchenS bedürfe, welches sichlockere, — um dadurch den nächsten Felsen und ihm nach die ganze Steinmasse stürze«zu lassen, der es bis jetzt zur unscheinbaren letzten Stütze gedient.
In dem Gellüfte der übereinander geschobenen Blöcke hat sich eine mächtige Höhlegebildet; eine ungeheure, vom Tage nur durch einen Spalt seltsam beleuchtete Halle, diesich ansah, als habe die Natur darauf gesonnen, sich selbst eine Art von Tempel undHeiligthum zu errichten. Nicht geordnet wie Säulen eines künstlich abgemessenen Baues,sondern wie Urbäume eines gigantischen Waldes stiegen Pfeiler in derselben empor, baldmassiv wie zum Tragen bestimmt, bald schlank emporspringend, wie zu gefälliger Zierersonnen. Die Wände waren nicht eben, nicht geglättet, doch war auch hier eine gewisseOrdnung, ein sicheres Ebenmaß zu erkennen, denn der Natur ist eS unmöglich, selbst da,wo sie in ihrer ganzen Furchtbarkeit als Zerstörerin auftritt, anders zu wirken als groß-artig und schön. Die Decke bestand aus zwei Blöcken, welche, gegeneinander gestemmt,sich gegenseitig in dem sonst unvermeidlichen Sturze aufhielten; davon hingen Zackenhernieder von abenteuerlichen Formen, längere mit kürzeren wechselnd, als ob auch hiereine sinnvoll ordnende Hand gewaltet und sie gefestet habe. Die Pracht der Halle wardaber vollendet durch einen großen Spalt im Gestein, der sich nach der freien in denWildsee abstürzenden Bergwand hin wie ein Fenster oder eine Art steinernen Balkonsöffnete, etwas Licht einließ und auf den obern Theil des Sees und seine Bergwändeeinen überraschenden Blick gestattete . . . schräg über lag der Watzmann , zu seinenFüßen, wie ein an den greisen Vater sich anschmiegendes Kind, grünte die kleine Walchen-Almend — davor in schwindelnder Abgrundstiefe schlang sich das Wasser des Wildsee'shin. Der Boden der Halle war natürlich rauh; es gab fast keine Stelle, wo der Fußsich feststellen konnte — nur gegen das Fenster zu waren die Blöcke so günstig gelagert,daß es möglich schien, auf ihnen wie auf Ruhebänken sich niederzulassen und auf einemandern ein vom Augenblick bereitetes flüchtiges Jägermahl einzunehmen.
Die den Eingang der Höhle bildende Kluft war im Verhältniß sehr niedrig undeng; sie glich mehr einem von oben durch's Gestein gehenden Riß — das Tageslichtvermochte nur seltsam gebrochen einzudringen und stoß mit dem Hellern Scheine, der durchdas Fenster kam, zu einer grüngrauen zauberhaften Dämmerung zusammen, welche dieHalle noch mehr als einen Hort des Wunders und des Geheimnisses erscheinen ließ.
Jetzt klomm aus der Höhlcnspalte Alboin, Amalaswinthens Begleiter hervor; erreichte die Hand zurück, um der Herrin ebenfalls heraus zu helfen, aber das kühne Weibbedurfte der Stütze nicht: sie schwang sich selbst empor, unbekümmert darum, daß derinnen liegende Block, der ihr zum Tritte diente, nicht festlag, sondern bedrohlich hin- undwieder schwankte. Draußen, vor dem Eingänge, auf dem etwas gesenkten Boden, hartneben dem Spalt lag ein großes Felsstück in so sturzdrohender Stellung, daß es unbe-greiflich schien, warum dasselbe nicht herunter rollte: wäre es geschehen, so wäre es un-mittelbar vor den Spalt zu liegen gekommen und Hütte diesen und mit ihm den Eingangzur Höhle für immer verschlossen.
Der Alte schien solche Gedanken zu haben, denn er betrachtete das Felsstück mitgenau prüfendem Blick und faßte besonders einen kleinen Stein in's Auge, der wie eineabsichtliche Unterlage und Stütze darunter gelegt schien. „Sonderbares Geklüfte das!"rief er und schien die Sonnenstrahlen, welche ihm scharf auf den Leib sielen, mit Behagenzu empfinden. „Es geschieht wohl, daß Einem manchmal in einem bösen Traumgesichteine rechte Wüste vorkommt, aus der man sich nicht mehr hinaus zu finden weiß . . .aber eine so furchtbare Ocdnei, wie diese, mag wohl keinem Menschen auch nur im Traumerscheinen! Und wie die Luft hier weht! Schneidig kalt, daß sie durch Gewand undPelz dringt! In der Höhle unten war es schaurig und dumpf, hier außen ist's wohb
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