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Hell und frisch . . . aber die Luft verräth, daß wir nur wenige Schritte von uns dasEis haben, das niemals schmilzt! Ich will dem Himmel danken, wenn ich die warmeEbene von Pavia wieder vor mir sehe ... ich habe eine ordentliche Sehnsucht, den Ticinowieder rauschen zu hören, und die Oelbäume und Pinien an seinem Ufer!"
„Das sollst Du bald," erwiderte Amalaswinth, welche finster und doch in unver-kennbarer Erregung sich aus's Gestein niedergelassen hatte. . . „Mir gefällt diese Wild-niß, in ihrer Einsamkeit wie in ihren Schrecken, es ist etwas darinnen, was zu meinemGemüthe stimmt! Du aber magst nun gehen — warte meiner am bestimmten Ort. . .bin ich am Abend deS dritten Tages noch nicht eingetroffen, so kehre allein zurück nachPavia — grüße mir den Ticino und seine Pinien..."
Alboin zögerte. „Domina, " sagte er dann, sie mit festem Blick betrachtend, „laßmich immerhin noch bei Dir bleiben — es ist nicht geheuer in dem Geklüfte.. . WennDir ein Wolf aufstieße oder ein Bär..."
„Glaubst Du, daß ich vor Bestien zittere?" erwiderte sie'geringschätzig, währendihr Auge nach der Stelle streifte, wo Bogen, Köcher und Iagdspieß unter Alprosenstaudenin den langen zähen Grashalmen lagen, welche mit mattem Grün zwischen dem Gesteinhervorgekeimt waren. „Geh' — ich bedarf Deiner nicht!"
„Laß mich dennoch bleiben, Domina!" begann der Alte wieder. „Muthe mir nichtzu, Dich hier allein zu lasten und fern von Dir ruhig zuzuwarten, ob und wann Duwieder kommen werdest. . . Laß mich bleiben, denn — um Dir offen die Wahrheit zusagen, wenn Du auch darauf beharren und mich von Dir weisen wolltest, ich würdeDir nicht gehorchen! Ich bin nicht umsonst Dein Schirr- und Waffenmeister ... wo Dubist, gehör' ich auch hin!"
„Wie?" rief Amalaswinth flammenden Blicks. „Du verweigerst mir den Gehorsam?"
„Ja, Domina," entgegncte er fest, „denn indem ich das thue, diene ich Dir bester,als wenn ich Dir gehorchen wollte! Laß mich bleiben — Du hast nicht nöthig, etwasvor dem alten Alboin zu verbergen ..." Er trat näher und sprach leiser, als wäresogar in der Wildniß Verrath zu fürchten . . . „Ich weiß, was Dich hicher geführt,Domina..."
„Unmöglich! Du hättest mein Geheimniß errathen?"
„Weßhalb unmöglich? Das Auge des treuen Dieners erräth mehr, als es verräth...Zürne nicht, aber Alboin weiß, Westen Nachen allnächtlich den Ticino herabgeglitten undun Cyprestcnschatten des Gartens angelegt ... ich weiß, wer am Geländer der Terasto«uporklctterte. . . "
Amalaswinth war aufgesprungen und stand drohend vor dem Alten; in der Handüber seinem Haupte funkelte ihr Dolch. „Schändlicher," rief sie zürnend, „Du hast esgewagt, mich zu belauschen?"
„Nein, Domina — aber ich habe Dein Geheimniß bewahrt und bewacht, nachdemder Zufall mich zum Mitwisser gemacht . . . darum weiß ich auch, was das Ziel derBetfahrt war, hinter der Du den Deinen diese Reise verborgen: ich weiß, warum Duals das Weib eines Kaufherrn Dich vor Spähern sichern wolltest . . . und weiß, wenDu hier erwartest..."
Die Longobardin ließ die Waffe sinken. „Es ist gleichviel," sagte sie dann, „magstDu es immerhin wissen, verrathen wirst Du mich nicht, dessen bin ich sicher. . . Abergeh' dcmungcachtct und hindere mich nicht!"
„Und kennst Du mich so wenig, Domina," rief Alboin näher tretend, daß Duglauben kannst, ich werde Dich hindern in Deinem Werke? . . . Frage Dich selbst, obDn bis in Deine Kindertage zurück, Dich auf eine Zeit besinnen kannst, in welcher Alboinnicht bei Dir gewesen? Ich war Dir ergeben, seitdem Du die Augen dem Licht derWelt geöffnet hast — ich hab' es Deinem Vater, der mir einst trotz schwerer Vcrschul- ,düng das Leben geschenkt, zugeschworen, ich wollte dieses Leben, das er mir geschenkt.