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er erzählt, wo die Gnade Gottes sich auf ihn herabließ, und es ihm wie Schuppen vonden Augen siel. — Schon im nächsten Jahre zog er das Mönchsgewand an.
Die Malvivenza.
Der französischen Regierung ist es bekanntlich durch konsequente Strenge gelungen, diePendezza in Corstka fast gänzlich auszurotten. Ein Seitenstück zu dieser korsischen Vendezzabildet die Blutrache und die mit ihr Hand in Hand gehende Malvivenza, welche unterdem zum österreichischen Kaiserstaate gehörigen dalmatischen Gebirgsvolke der Morlakkcnherrscht. Die österreichische Regierung geht gegenwärtig daran, diese barbarische Sitte,welche alle Sicherheit des Landes untergräbt und neben der heillosen schon von denVenezianern ausgeübten Forstverwüstung dieß Land, das sonst ein gesegnetes sein könten,dem Fluche der Unfruchtbarkeit und Verödung überliefert hat, energisch auszurotten. Wirfinden deßhalb im Budget des österreichischen Ministeriums des Innern einen beträchtlichenPosten angesetzt für „Ausrottung der Malvivenza." Die Erhebung des von der österreichischenRegierung eigens zu diesem Zwecke nach Dalmatien gesendeten Ministerialsekretärs Or. Loren;setzen uns in den Stand, Näheres hierüber mitzutheilen.
Es liegt im Charakter des morlakkischen Volkes, nur den Starken oder Verschlagenenzu ehren. Wer die meisten Gewaltthätigkeiten ungcrächt und ungestraft ausgeübt hat, stehtim höchsten Ansehen. Es ist das ein Erbe aus der Türkenzeit; die rohe Thatkraft, dieverrätherische List, womit ehedem der osmanische Todfeind bekriegt ward, richtete sichspäter gegen den Stammesgenofsen und so entstanden und entstehen eine Menge innererFehden, welche häufig einen tödtlichen, immer einen verderblichen Ausgang nehmen.Häufig kommt es vor, daß ein Mann ohne starke Familie oder Anhang um eines ge-ringen Grundes willen oder ganz ohne solchen von einem Mächtigern überfallen und vonHaus und Hof getrieben wird. Und in den meisten Fällen läßt sich das der Beraubteauch ohne Widerstand gefallen, denn er weiß, daß sein Leben verwirkt ist, wenn er klagt.Trotzt er der Gefahr, wendet er sich an die Gerichte, so ist er ebenso übel berathen,denn er findet keinen Zeugen. Diese alle fürchten die Rache der Mächtigen. ES kommtselbst vor, daß wenn bei cclatanten Fällen die Behörden ohne Anrufen einschreiten, derBeklagte diese um Gotteswillen bittet, alle Schritte zu seinem Rechte zu unterlassen odererklärt, daß er mit der Besitzergreifung vollkommen einverstanden sei.
Mit dieser Blutrache ist die Malvivenza innig verbunden.
Es ist eine Art Stegreifthum, Vogelfreihcit, Buschkleppern. Doch gewähren dieseWorte nicht den vollen Begriff. Der Rächer oder Held, der einen Gegner erschlagen,eine ganze Familie in ihrem Hause verbrannt oder dergleichen gethan, weiß zwar rechtgut, daß ihm vor Gericht nichts bewiesen werden kann, allein er scheut die Untersuchungs-haft. Deßhalb und um der nun drohenden Rache der Gegenpartei auszuweichen, nimmter eines Tages die Flinte über die Schulter, Pistolen und Jatagau in den Gürtel,rafft so viel Munition und Schuhwerk zusammen als er kann, und zieht sich
in die wildesten Schluchten des Gebirges zurück. Dort findet er immer zahl-reiche Gesellen, mit welchen vereint er nunmehr die Umgegend brandschatzt.Allein diese Malviventi sind keine gewöhnlichen Räuber, wollen es auch nicht sein. Sienehmen nur, was sie nothwendig brauchen, vorzugsweise Lcbensmittel, seltener Kleider,Geld nur, wenn sie Munition bedürfen und dann am liebsten von Fremden. Höflichgegen Reisende, galant gegen das schöne Geschlecht gleichen sie den britischen Highwaymenund den edeln Räubern der Romane. Dieß umgibt sie in den Augen des Volkes mit
einer Glorie und verschafft ihnen stets Hilfe und Schlupfwinkel. So kommt es, daß
viele junge Taugenichtse ohne alle weitere Veranlassung in die Berge ziehen und sich denMalviventen anschließen, welche eine wahre Landplage sind. Das ist die sogenannte