Ausgabe 
28 (31.5.1868) 22
 
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Malvivenza, eine Erscheinung, welche man im heutigen Europa kaum mehr für möglichhalten sollte.

(Die Gesellschaft der Verzweifelten.) In der WochenschriftDaheim*wird von einem Algier - Reisenden Folgendes erzählt: Als ich zum ersten Male in dieHallucinationen des Haschisch eingeweiht wurde, geschah es durch einen Europäer, welcherzu der anziehenden Klasse der Verzweifelten gehörte. Er ist seitdem an dem Mißbrauchdes Kif gestorben. Dieser Verzweifelnde hatte sich ein poetisches Nest mitten in einemafrikanischen Walde gebaut, tief in einer Schlucht. Sein Schlafgemach mit den rundenFensteröffnungen, die nie geschloffen wurden, war mit Schwalbennestern angefüllt, derenBewohner beständig aus- und Anflogen. In dieser Zelle sah er nur des Himmels Blau,das ferne Meer und.die immergrünen Eichen des Waldes, athmete nur den Dust derBlumen, die er vor seiner Hütte gepflanzt hatte, hörte nur das Summen der Insekten,den Vogelgesang und das Gcmurmel des Baches, der über die Granitfclsen zu seinenFüßen plätscherte. Des Nachts gab es andere Musik: Schakals, Panther und Löwenmischen ihr Geheul in das Rauschen des Waldes. Wenn er durch das Gebrüll unkMiauen im Schlafe gestört wurde, griff er nach seiner Büchse und verfolgte im Mond-schein das wilde Gethier. Alle Haschischraucher sind Freunde der Jagd, und Wildschweineund Igel ihr bevorzugtes Wild. Als ich meinen Kifraucher in seiner Wohnung auf-suchte, begriff ich, daß ich es mit einem wahren Poeten zu thun hatte, mit einem besieg-ten Titanen, einem Manne, übersättigt von der Civilisation, einem Freunde des Lebensin der Wildniß. Er vertraute mir die Ursache seiner Auswanderung an. Nachdem ermir alle seine Andenken an seine Braut vor Augen gelegt hatte, ihren Kranz von Orange-Blüthen, ihren Blumenstrauß, sorgfältig in einem Cedernholzkistchen aufbewahrt, sagte ermir, daß seine junge Frau am Tage nach der Hochzeit gestorben sei. In dem Wahn-sinn seiner Verzweiflung war er über's Meer gegangen und hatte sich dem Haschisch er-geben. Dank den Bczaubcrungcn der dadurch hervorgebrachten Träume sah er jedesmalseine Frau so jung, so schön wieder, wie an ihrem Hochzeitstage; ihre Stimme klang ansein Ohr mit Verheißungen des Wiedersehens in einer andern Welt.Es ist die Stundeunserer Zusammenkunft," rief der Unglückliche, indem er seine seltsame Erzählung beendete.Ich folgte ihm nach dem maurischen Kaffeehause, er führte mich in den Saal der Raucherein. Diese erwarteten uus auf einem Teppiche, die Pfeife am Munde. Der Clubbnannte sich dieGesellschaft der Verzweifelten." Und wahrlich, in ihren wilden Blicken,den zerstörten, tief gegrabenen Zügen ihrer Gesichter, offenbarte sich der Entschluß syste-matischen Selbstmordes. Sie glichen Alle meinem Freunde, es war ein Verein vonunglücklich Liebenden, Ehrgeizigen ohne Aussicht und verarmten Krösusscn.

Friedrich der Große und seine Hunde. Das Verhältniß dieses Fürsten zu den Hunden ist merkwürdig und seltsam. An seinem Hofe genossen die Hunde Rechte,deren sich der höchste Beamte nicht rühmen durfte. Sie umgaben stets den König imSchloß, auf Reisen, im Krieg. Sie lagen auf kostbaren Kanapees, auf Stühlen uiitAtlas überzogen. In allen Zimmern waren lederne Bälle zum Spielen für die Hunde.Zur Bedienung hatten sie Lakaycn. Auf Reisen fuhren sie in sechsspänniger Kutsche.Biche, die Favorithüudin des Königs, schlief jede Nacht in seinem Bette. Als der Königbei einer Abreise zur Revue in Schlesien einen Hund krank zurückließ, mußte täglich eineStaffelte über sein Befinden nachgeschickt werden. Als eine Depesche den Tod meldete,mußte der Todte in einem Sarge bis zur Rückkehr im Bibliothekzimmer aufgestellt werden.Der hcimgekehrte Monarch betrachtete den Todten stundenlang, weinte bitterlich 3 Tagehindurch und ließ ihn feierlich beim Schloß begraben. Zehn Doktoren waren beschiedenworden.