„Der Ort ist wahrlich angethan, an solch' Heidcn-Mährlein zu gemahnen!" erwi-derte Dietwalt, in dem Gewölbe hin und wieder schreitend. „Wäre die Mühsal nichtzu groß, ich würde meinen Vater bereden, mit herauf zu steigen und das Wunderwerkauch zu beschauen! Es ist, als wär' es der Saal in der Burg eines riesigen Nordland»surften aus heiligen Bautasteinen gefügt . . . hier an der Säule könnte der Thron ge-standen haben und dort durch die Felsenöffnung sah er wie von einem Söller hinunterin sein fabelhaftes Reich . . . Und hier," fuhr er fort, indem er an einen tischartig ge-formten Block trat, „hier ist uns noch etwas von seinem Königsmahle übrig geblieben!"
Auf dem Steine stand ein Krug nebst Becher, daneben lag Brod und zierlich ge-schichtet Stücke Wildflcisch.
„Oder," rief der Prinz wieder, „ist dieß vielleicht der Palast, in dem eine Wal-kyre haust? Oder eine der Nornen, die den Faden spinnen zu des Menschen Lebenund Geschick?" Er hatte den Becher gefüllt und erhob ihn . . . „Diesen Willkomm-Trunk dem Gebieter des Hauses! Traun, ich möchte wohl wissen, wer mein Wirth undGastfrcund ist. .
„Ich!" antwortete es dumpf von dem Eingang der Höhle her, und eine dunkleGestalt erschien vor demselben.
„Amalaswinth..." stammelte Dietwalt erbleichend und unberührt entglitt der Becherseiner bebenden Hand.
„Du hast Recht geahnt!" rief die Longobardin. „Du hast Dich bei der Walkhrezu Gaste geladen — bei der Norne, die den Faden spinnt zu des Menschen Leben undGeschick... der Deine ist abgesponnen und reißt entzwei!"
„Ha, Schändliche," rief der Prinz und erglühte in Unmuth, wie er zuvor vorUeberraschuug erblichen war, „so bin ich durch Dich in einen Hinterhalt gelockt? UndDu, Markulf, treuloser Schalk, hast mich hergeführt? Du bist im Bunde mit meinergrimmigsten Feindin?"
„Feindin?" stieß Markulf hervor, der mit fliegendem Athem und brennenden Blicken,einem stoßbereitcu Geier gleich, jedes Wort. jede Bewegung belauscht hatte. „Was sagstDu, Herr? Sie, die Dich zu lieben schwur. Deine Feindin?"
„Die mich geliebt und doch meine Feindin geworden! Die durch meinen Tod sichrächen will für die verschmähte Liebe!"
„Lüge nicht in Deiner letzten Stunde," rief Amalaswinth feierlich — „nicht dieverschmähte Liebe will ich rächen, wohl aber die verrathene! Nicht ich bin es, nichtfremde Treulosigkeit — der eigene Verrath ist's, der Dich in's Verderben stürzt!"
„Wie?" unterbrach sie Markulf, aus einer Art Betäubung erwachend, „so hast DuDein Spiel mit mir getrieben, furchtbares Weib? Hast'mich betrogen und zum Werk-zeug Deines Haffes und Deiner Rache zu Deinem Mordgesellen gemacht? Fahre hin,Verrätherin, ich zerreiffc die Genossenschaft mit Dir — und ist meine Liebe der Preis,den es mich kostet, mich von Dir zu befreien — nimm das Zeichen meines Gelöbnisses,nimm Deinen Zauber zurück... ich verschmähe ihn! Gib den Weg frei, Mörderin, odermein Dolch bricht uns die Bahn..."
Mit kräftigem Griff hatte er die Schwanenfedcrn vom Hute gerissen und weg-geworfen; das breite Gürtelmesser in hoch erhobener Hand stürzte er auf Amalaswinthezu; diese aber hatte den Vorsprung benützt, sich rasch emporgeschwungen und stand bereitsin der Eingangsspakte — der Block, der zum Antritt gedient, kollerte, von ihrem Fuß-stoß geschleudert, zur Seite... wer nachklettern wollte, mußte Zeit und Mühe aufwen-den, bis es möglich war, die Oeffnung zu erreichen. . .
„Glaubst Du," rief die Longobardin zurück, „für derlei wäre nicht vorgesorgt? —Versuch' es, mich zu treffen — ich lache Deiner, Du Thor! Ich hatt' es gut mit Dirim Sinn — aber wenn Du Dich von mir lossagst, so habe was Du begehrt undHeile das Geschick Deines Herrn! Du aber, meineidiger Verräther, überlege und bereue.