Ausgabe 
28 (7.6.1868) 23
 
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was Du mir gethan... Du hast Zeit dazu, bis Hunger und Verzweiflung Dichzwingen, Dein falsches Gehirn an diesen Felsen zu zerschmettern! Du hast, als ich imgrößten Schmerze zu Dir gefleht, keine Antwort für mich gehabt: ich habe Dir gelobt,daß ich Dir das vergelten will. . . Wohlan, das ist Amalaswinthcns Antwort!"

Sie verschwand vom Eingänge, das nach ihr von Markulf geworfene Dolchmesserprallte am Gestein zurück mit donnerähnlichem Gepolter wälzte eine finstere Massesich heran der Block vor dem Thore legte sich dicht vor dasselbe und versperrte denWeg für immer ... das Licht fand keinen Raum mehr, von dieser Seite einzudringenund das schauervolle Halbdunkcl einer Gruft legte sich wie ein Todtentuch über dielebend Begrabenen.-

-Zur selben Zeit, als auf dem Gipfel des Gebirges Wuth, Schrecken

und Entsetzen hausten, waltete unten im Thale , auf dem kleinen grünen Seegelände dertiefste, heimlichste Frieden: es war eine kleine schuldlose Welt, ohne Ahnung, wie nahe,wie furchtbar die Schuld bis an ihre Nmgränzung vorgedrungen. Von keinem Hauchegeschwellt, spiegelgleich, lag das Wasser da und nahm freudig den Himmel in seinemBusen auf, den es eine lange Nacht entbehrt und der nun in erhabener Ruhe hernieder-schaute, während an den Bergwänden die letzten Trauerstrcifen des Nebelschleiers zcr-flatterten. Auf dem grünen Plan der Walchen-Almendc wanderte das Weidevieh gemächlichdurch das Gras, oder lag wiederkäuend in behaglicher Ruhe. Von Zeit zu Zeit wardPlacida an der Thüre der Sennhütte sichtbar, eine der Kühe herauszulassen, wenn sievon ihrem Milchreichthum befreit war.

Das Mädchen war zur Arbeit rüstig angerichtet; das weiße, hochaufgcbundcne Ge-wand schürzte sich kaum bis unter's Knie und reichte an den Armen nur wenig überdie Schultern herab um Leib und Brust waren die weitern Theile des Kleides,besonders die Aermcl, übereinander gcncstelr, die freie Bewegung nicht zu stören. Ingewohnter Weise ging sie der gewohnten Arbeit nach, ruhig und gleichmäßig, ohne Unruhe,ohne Hast nur bei schärferer Beobachtung wäre nicht zu verkennen gewesen, daß diefeine Blässe ihres Angesichts vielleicht noch um einen Ton tiefer verblichen war, daß diedunklen Augen nicht ganz so frei blickten, wie einst, sondern wie durch einen trübendarüber gebreiteten Flor. Manchmal auch stand sie mitten in ihrem Wege still undführte die Hand an's Herz, als töne darinnen noch ein Nachhall des Gewitters fort,das vor wenig Tagen durch dasselbe getobt und wie Hagelschlag Blüten und Blätterniedergeschlagen, und das junge Bäumchen selbst in seiner Lebenskraft getroffen, vielleichtum sich nie wieder zu erholen. Das waren aber nur Augenblicke; schnell besann sie sichwieder und richtete das schöne, noch eben thränenfeuchte Auge getrocknet und getröstetzum Himmel auf.

Am Strande des See's lag noch der Kahn, in dem sie Abends zuvor wieder herein-gerudert aus der einsamen Romsan zur noch einsamern Walchen-Almend.

Es bot einen scharfen Gegensatz, als jetzt Amalaswinth denselben Bergpfad heran-kam, auf welchem wenige Tage vorher der alte Chriembcrt gewandelt war. An derselbenStelle, wo der Alte die verhaßte Walchendirne belauscht hatte, stand sie jetzt und blicktefinsteren Auges auf das arglose Mädchen, das sie so freundlich beherbergt, in dessenBrust sie einen so tiefen geheimen Blick gethan und in dessen Geschick sie so achtlos ein-gegriffen mit frevelnder Hand. Das lichte Bild vor ihr warf einen düsteren Schattenin ihre Seele; es regte sich leise etwas in ihr, wie das erste fast unmerklich keimendeSamenkorn einer spät, aber gewiß reifenden Neue.

(Fortsetzung folgt.)