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und unter wieder strömenden Thränen mit unzähligen Kassen bedeckte. „Sie sinds!"rief er außer sich. „Gott weiß allein, wie sie uns gefunden... aber eS ist Euer Gefolge,Herr, — es sind Eure Retter! Ihr seid befreit — geht denn, Herr, und kehrt zumLicht zurück, mich aber lasset hier, überlaßt mich dem Schicksal, das ich verdiene..."
Der Prinz zog den Reuigen an seine Brust empor. „Erhebe — beruhige Dich,"sagte er herzlich, „denke nicht mehr an das, was uns zusammengeführt: ich habe eSbereits vergessen und Niemand soll von mir Anderes erfahren, als daß es mein eigenesVerlangen gewesen, diese Höhle zu sehen, von der Du mir erzählt! Ich selbst habe Dirbefohlen, mich einen anderen Weg als den auf den Watzmann zu führen: meine Schuldallein ist es, daß ich dadurch in die Fallstricke meiner Feindin gefallen... Erwidere mirnichts — ich habe Deine wahre Gesinnung erkannt und weiß nun, wenn ich einmal inmeinem Leben eines treuen Mannes bedarf, wo ich ihn zu suchen habe. . . Komm,gereinigt und geläutert laß uns Beide aus unserem Grabe auferstehen..."
Markulf vermochte nichts zu erwidern: das herannahende Stimmengewirr ließ ihmkeine Zeit, die rechten Worte zu finden... „Hörst Du," rief der Prinz wieder, „sie sindschon am Eingänge... sie haben unsere Spur... sie arbeiten daran, den Block hinweg-zuwälzen... Er bewegt sich, er beginnt zu weichen..."
Eine stumme athemlose Pause der Erwartung ... dann ein krachendes Gepalter —und ein Schrei des Entzückens begrüßte den Sonnenstrahl, der durch den Felsenspalt indie Höhle drang.
In wenig Augenblicken waren die Geretteten emporgczogen und der Prinz ruhte inden Armen des greisen Herzogs, die ihn nur losließen, um sie mit denen seines Brudersund der fröhlichen Gefährten aus Pavia zu vertauschen. Markulf taumelte, von Lichtund Lust wie betäubt den Versammelten entgegen: er fand keinen Laut zu Gruß oderDank und sank zu den Füßen einer feinen Mädchengcstalt zusammen, in der seine ver-schwimmenden Augen Placida's unschuldsvolle Züge zu erkennen glaubten.
Mit fliegenden Worten erzählte der Prinz was geschehen, und vernahm die wunder-bare Weise, wie es geschehen, daß er so bald vermißt worden und der Weg zur Rettungso schnell gefunden war. Der Diener und Begleiter des Prinzen, der am Eigelhvfe dasGespräch mit der Longobardin vernommen, hatte darüber geschwiegen, bis er am andernTage derselben in Verkleidung wieder begegnete. Dadurch aufmerksam gemacht, spähte erihrem Treiben nach und gewahrte zu seiner Verwunderung, wie sie mit einem jungenLandmann sprach und flüchtige Zeichen eines Einverständnisses wechselte. Als er vollendsam Morgen denselben Landmann in dem für den Prinzen erwählten Jagdführer erkannte,mochte er bei längerem Schweigen Gefahr für sich selber befürchten, und entdeckte demHerzog, was er erkundet. Dieser beschloß alsbald, dem Prinzen nachzueilen, als wolleer selbst Theil nehmen an dem ungewohnten Waidwerk in den Bergen und sich den ein-samen Wildsee wieder einmal beschauen. Auf rasch herbeigeschafften Fahrzeugen ging dieFahrt in das schweigende Gewässer hinein, der Atmende am Fuße des Watzmanns zu,denn auf diesem Berge sollte der Verabredung nach die Jagd auf Steinböcke statt haben...bis der Schwan von der Felswand herniedergcschwungen kam, in die unergründlichenFluthcn stürzend, um daraus wieder aufzutauchen zu Warnung, Heil und Rettung, wiein den Mähren einer untergegangenen Vorwclt.
„Nur durch dieß Mädchen," schloß der Herzog, „nur durch ihren Heldenmut!), dersie im Kampfe mit dem Unrecht selbst den Tod nicht scheuen und den entsetzlichen Sprungwagen hieß — nur durch sie ward es uns möglich. Dich aufzufinden, ehe Du in demfurchtbaren Gefängniß verschmachtet bist oder in der Verzweiflung Hand an Dich selbergelegt hattest. . . Wir hörten ihren Ruf hoch über uns, sahen ihre Verfolger hinterihr und sahen, von Staunen und Entsetzen beinahe versteinert, wie sie vom Felsen sprangund in die Secfluth niederfchwebte gleich einem Geiste, von den flatternden Enden ihresGewandes wie von weißen mächtigen Fittigen getragen . . . Wir bargen dies vom