Ausgabe 
28 (28.6.1868) 26
 
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vorüberziehen ... »Geh' hin,- murmelte sie vor sich hin,wenn nicht diese Bergemich decken, begegnest Du mir wieder..."

Indeß sie nun in weitem Bogen dem Kaunstein zuschritten, kam zu demselben Zielevon anderer Seite ein anderer Wanderer gegangen; ses war der alte Chriembcrt, der involler Waidmannsrüstung den wohlbekannten Pfad so eilend dahin schritt, als es dieBeschaffenheit desselben und das tiefe Nachsinnen gestattete, in das er versunken war.Verschiedene widerstreitende Gedanken kreuzten sich unter dem schlichten weißen Haar undder sorgengesurchten Stirne: es wollte ihm nicht klar werden, was er von Allem zudenken habe und was die in solcher Hast befohlene Zagdfahrt zu bedeuten habe. DerHerzog hatte alle seine Mannen zu dem Waidgange aufgeboten, und besten eigentlichenZweck gegen Jedermann verborgen, dennoch konnte es nicht fehlen, daß Andeutungen zuGedanken wurden, daß aus verlorenen Worten Vermuthungen entstanden, daß dasdunkle Gerücht ging, es gelte den Prinzen zu retten, der von einer großen Gefahr bedrohtsei. Wenn das Wahrheit war, welche Gefahr sollte das sein? Drohte sie Beiden, sostand auch für ihn das Werthvollste, das Leben des einzigen Sohnes auf dem Spiel,der ja als Begleiter und Führer mit ausgezogen . . . sollte sie dem Prinzen allein gelten,was war dann mit Markulf geschehen, der ihm zu Schutz und Schirm dienen sollte...wie der dunkle Wolkcnsaum eines am Horizont sich ansammelnden Gewitters stieg einefinstere unheilvolle Ahnung im Hintergründe seines offenen arglosen Gemüthes empor...Wies er auch jeden Gedanken, der eine Beschuldigung Markulf's enthalten konnte, mitungläubiger Entrüstung schon im Entstehen zurück, weil er ja Sinn und Gemüth desSohnes zu gut kannte, um nicht zu wissen, daß er trotz aller auflodernden Raschheitunfähig war zu jedem unedlen Thun so kehrten ihm doch die Gedanken wie in ver-zaubertem Zirkel immer wieder zum gleichen Ausgangspunkte zurück, und er wußte selbstnicht, wie es geschah, daß ein unheimliches Frauenbild immer und immer wieder sichunter die ihm unklar vorschwebenden Gedanken drängte. War es die Gestalt der ver-haßten Walchendirne, die das Herz des Sohnes an sich gekettet mit geheimnißvollerMacht? Oder war es eine andere unheimliche Erscheinung, ein gewaltiges reckenhaftesFrauenbild, das ihm vor wenigen Tagen auf einsamer Bergwanderung unerwartet, alswäre sie aus dem Boden gestiegen, in der Bergwildniß des Kaunstein in den Weg ge-treten war, und zuerst wieder die Erinnerung an das Walten und Schalten der Wal-kyren und Schwanenfrauen in ihm hervorgerufen hatte? Ging doch eine dunkle Sage,daß ein Weib den Prinzen bedrohe, ... das Weib war zwar, wie sie gekommen, ver-schwunden, als hätte sie sich in die Luft geschwungen, doch hatte der flüchtige Anblickgenügt, ihn das Schwanengeficdcr um ihr Gewand erkennen zu lasten. . . sollte Markulftrotz seiner Warnung der Unheilvollen verfallen sein?...

Also, schwankend zwischen Zweifel und Hoffnung, unstet bewegt von Beruhigung undSorge, hatte der Alte eine Hochebene des Gotzcnbergs erreicht, welche weithin von wüstempflanzenloscn Stcingeröll bedeckt, einem Göttcrbilde zum Standorte diente, das aus über-einander geschichteten Trümmern aufgebaut wüst und finster in die unwirthliche Oedeempor ragte. Schon damals hatte das Götzenbild zu zerfallen begonnen: jetzt ist eslängst bis auf die letzte Spur vernichtet und nur der Name des Bergrückens hat vielleichteine schwache Erinnerung daran aufbewahrt. Am Kessel, wo der Bergbach sich seinFelsenbett gewählt hatte, war Chriembcrt gelandet; eine dunkle unerklärliche Ahnung triebihn, von dort hinan zu steigen, und so den übrigen entgegen zu kommen, welche, wie eshieß, bis zur Walchen-Almende schiffen und dann vom Watzmann an im Ring die Bergedurchforschen sollten . . . dort, in jener Umgebung war ihm das Zauberweib begegnet,dort mußte sie Hausen, dort mußte es jedenfalls am Ersten gelingen, ihr nahe zu kommenund ihre Zauber zu vernichten.

Wohl bekannt mit jedem Weg und Steg über den Götzen, die er so oft begangen,daß er sich's vermessen wollte, sie bei finsterer Nacht zu finden, hatte er des Pfades, den