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er beschulten, über seinem Sinnen und Denken nicht mehr geachtet, als er Plötzlich umsich schauend zu seiner Verwunderung gewahrte, daß er dennoch vom rechten Steige ab-gekommen war: er stand in Mitte eines Felsenrings, der ihn nach allen Seiten umschloßund sogar den Ort nicht mehr erkennen ließ, durch welchen er in die Enge hereinge-kommen. „So geht es," brummte er in den Bart, „wenn man den Gedanken nicht
Zügel anlegt und Zaum — sie kommen auf Abwege und führen die Füße mit! . . .Dort drüben," fuhr er fort, nachdem er zum Himmel empor geblickt und den Sonnen-stand betrachtet hatte, „nach dem Morgen hin liegt der See, und hier schräg über, nach
dem Untergänge zu muß der Kaunstein sein: wär' ich nicht zu nahe daran, ich müßtesein riesiges Krummhorn vor mir sehen... Ich denke, wenn ich gerade darauf los indie Felsen gehe, wird es wohl durchzukommen sein, und ich muß nicht weit vom Fußedes Hornes stehen. . ." Der Gedanke war so schnell ausgeführt, als gefaßt, aber ohneden erwarteten Erfolg, wenn es auch gelang, zwischen den Felsen, die wie ein Stein-geländer sich aufthürmten, sich hindurch zu zwängen. „Ha, die Aussicht öffnet sich schon,"sagte Chriembert, durchschlüpfend — „da liegt der Eisriese schon vor mir und läßt dieZackcnkrone im Sonnenscheine funkeln! Sonderbar — diesen Weg bin ich nie gekommen,von dieser Seite habe ich den Kaunstein noch nie erblickt! Was für ein loses Geklüfte...es sieht sich an, als wär' es ein Haufen lockeren Gesteins, das man übereinandergeschüttet... Beim Donner, sehe man unten, wie es mit dem alten Gesellen beschaffenist, ein Jeder würde Dank-Runen an den Weg legen, der glücklich darunter weg-gekommen! . . . Aber wie komme ich von hier wieder weg und weiter?" fragte er sichselbst, indem er mit unruhigem Staunen umherblickte. „Ich will mich an diesem Zackenhinunter lassen... die Platte unten ist breit und bequem: dort, an der Schneide, bei demVorsprung, muß sich ein Pfad geben... Ich sehe die Spuren, daß hier Steinböckeheimsen... Hoho, wo der Langbart Platz findet, werde ich auch nicht zurück bleiben!"
Rasch wurde der Stachelstock in die Tiefe auf die Felsplatte geschleudert; derRückcnsack folgte nach— Bogen und Köcher, hoch in den Nacken geschoben, hinderten denGewandten nicht, hinab zu klettern und von der letzten Felsritze aus in mächtigem Sprungeden Boden zu erreichen. Nasch trat er an den Abhang vor, aber so vertraut sein Augemit dem Anblick von Schluchten und Abgründen war, trat er doch unwillkürlich wieschaudernd und schwindelnd zurück, ... wohl stieg der Kaunstein in seiner ganzen Furcht-barkeit vor ihm empor, aber zwischen demselben und seiner Platte öffnete sich ein Felsen-schlund, dessen Grund für das Auge unerreichbar war und aus dem das DonnergcbrauSeines unten herausstürmenden Wildbachs nur wie leises Rauschen herauf tönte -— dieWände desselben stürzten glatt und senkrecht ab, kein noch so gewagter Sprung trugüber die entsetzliche Tiefe: nicht nach vorne, noch zur Seite gab es einen Ausweg, unddie Wand, über welche er herabgeklcttcrt war, stieg nun im Rücken so unnahbar steilempor, daß es unbegreiflich war, wie ein Mensch vermocht hatte, sich daran herunter zulasten, ohne auszugleitcn und zerschmettert zu werden. „So hast du dich auch einmalvollständig verstiegen und verirrt, alter Thor," rief Chriembert, „. . . Du bist in derFelsenwildniß eingeschlossen und abgesperrt von den Menschen und von der Welt..."Er sprach es mit einem Tone, der munter klingen sollte, und um seine bärtigen Lippenzuckte es wie ein Lächeln, aber an das starke Herz pochte doch zum erstenmal im Lebenetwas, das nahe mit Besorgniß und Schrecken verwandt war.
Der Eindruck steigerte sich und wuchs wie das dem Gewitter voranzichende Lüftchen,das erst zierlich mit den Wipfeln und Laubkronen spielt, schneller und schneller einher-sausend, bis es zum Sturme, zum Orkane geworden, der die Stämme bricht und dieWurzeln aus dem Grunde hebt. Zu dem noch unbestimmten Gefühl der eigenen schwerenGefahr gesellte sich die Sorge, daß einem andern, ihm theuren Leben schweres Unheilbereitet werde... die Sorge wurde zur Unruhe und die Unruhe zur Angst, welche jedenTropfen im Blute gerinnen, jedes Haar auf dem Scheitel sich erheben macht.