Ausgabe 
28 (28.6.1868) 26
 
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Drüben, jenseits der Schlucht, am Fuße des Kaunsteinhornes, wurden Amalaswinthund Alboin sichtbar, und begannen sofort ihr geheimnißvolles Werk: verwundert, bebendvor Erregung sah Chriembert ihnen zu unbekannt mit dem, was geschehen war, wiemit der bereits gelungenen Befreiung der Gesuchten, fehlte es ihm an jedem Anhalt, dassonderbare Beginnen zu erklären: doch dämmerte eine Ahnung der Wirklichkeit in ihmempor, hinreichend, ihn vom Wirbel bis zur Sohle mit Entsetzen zu fülleu... es mußteihm scheinen, als sollte das, was bereits vereitelt war, erst in's Werk gesetzt werden. . .Ist das nicht das fremde unheimliche Weib, von dem sie erzählen?" . . . rief er.Esist dieselbe, der ich in der Oedenei begegnet bin! Was schafft sie für elendes Neidings-werk mit ihrem Zaubergesellcn? . . . Dort, wo sie sich mühen, muß der Eingang indie Awergenhöhle sein... ich sehe den Wildpfad, der daneben vorbei in's Thal führt...Sie rollen Blöcke zusammen, als suchten sie den Weg zu verrammeln! . . . Oder wollensie die Höhle schließen. Jemand gefangen zu halten für ewig? Gilt es wohl gar, einenBlutenden, einen Todten zu verbergen, daniit der Rächer seine Spur nicht finde? . ..Und ich kann nichts thun zur Rettung... auf diesen Felsen gebannt muß ich ohnmächtigsehen, was geschieht und kann eS nicht wehren! Ich fühle in der Brust den gewohntenMuth, die alte Kraft in der Faust... ich kann sie nicht gebrauchen, um zu helfen. . .hier, auf dem öden Felsen bin ich angeschmiedet, wie der Wolf an der Kette ... ich kannnur heulen, die Zähne fletschen und im Ingrimm in meine eigenen Bande beißen! . . .Aber ich will nicht!" schrie er mit einer Stimme, die oft im Gefecht den Feind schau-dern gemacht.Ich will hier nicht zu Grunde gehen, will nicht müßig zusehen, wiemeinem Markulf, meinem Blut Unbill widerfährt... ich breche mir die Bahn hinab..."Sein Angesicht war tvdtenfahl geworden, aber das Blut trat ihm in die Augen undröthcte sie, seine Muskeln spannten sich an wie in willenlosem Krampf und mit dersinnlosen Wuth des Berserkers stürzte er sich auf einen der Felszacken am Rande, faßteihn und rüttelte daran mit einer Gewalt, der er hätte weichen müssen, wäre er etwasAnderes gewesen, als festgcwachsenes Gestein. Er mußte ablassen, drückte in ohnmäch-tigem Grimm die Ballen der blutenden Hände an die flammenden Augen, dann drohteer mit der Faust in den Himmel empor.Wo bist du, Donner, wenn du deinen Altennicht hörst? Wirf deinen nutzlosen Hammer hinweg, wenn du die Macht nicht hast, ihnauf das Zaubervolk dort hinunter zu schleudern, daß er sie zerschmettert! Ich verlachedich, du ohnmächtiger Gott . . . hier bin ich und höhne dich in's Angesicht, triff mitdeinem Blitze mich, wenn ich an dir frevle..."

Außer sich stürmte er wieder dem Rande des Abgrundes entgegen er sah dieBeiden drüben noch immer mit dem geheimnißvollen Werke beschäftigt: er erhob sich, umaus voller Brust hinüber zu rufen, aber der Laut erstarb ihm in der Kehle einfeines fernes Klingen wurde hörbar, feierlich und klar wie ernster in den Lüften ver-schwebcndcr Gesang ...

Die Glocke von der Walchen-Almend" flüsterte er und horchte höher und höherauf, und die Schwingen des Abendwindes, welche das Läuten herauf trugen bis in dieWolkenheimath, fächelten ihm die glühende, von Angsttropfen überrieselte Stirne . . .Ein Empfinden überkam ihn, das er noch nie geahnt: wie mit einem Zauberschlage warAlles um ihn her verändert; er sah die Felsen nicht mehr und die Steinwusterei, in derer sich befand das Bild des Abends umgab ihn, wo vor dem Eigelhofe an derbrausenden Salzach der Christenpriester vor ihn getreten, die Macht seines Gottespreisend, der ein milder Gott sei denen, die sich ihm willig beugen, den trotzigen Sinnaber zu brechen wisse, der ihm widerstrebe ... wo er aufrecht gegenüber gestanden undden Nacken frei emporgehoben im Gefühle der eigenen Kraft, die des fremden Helfersnicht bedürfe: Es war ihm, als sähe er das ernste Antlitz des Mönches aus der zer-trümmerten Römerstadt vor sich, als fühlte er den durchdringenden Blick dieser Feueraugenauf seinem Angesicht hasten, als vernehme er die feierlich mahnenden Worte von der