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weithin über den Erdball reichenden Hand des Gewaltigen... er fühlte, die Stundewar für ihn gekommen, wo ihm die eigene innere Kraft zerbrach, wie Schilf, auf das ersich gestützt, wo er es bekennen mußte, daß er in sich kein Heil mehr habe und keinenStab. Unwillkürlich, wie dem Drucke eines unsichtbaren Arms gehorchend, sank erlangsam in die Kniee und flüsterte mit bewegter Stimme: „.:.Sie nennen Dich gewaltigund doch gnädig, Gott der Christen... fei es auch mir! Zeige auch mir Deine Gnade,wie Deine Gewalt... Sie sagen: ich gehöre schon zu den Deinen: ich will es auch, ichwill mich Dir beugen... ich bin nichts mehr vor Dir, als ein zerbrochener Stab ..."
Er verstummte, aber durch seine erwachende Seele wehte der Frühliugshauch des.^ersten Gebets: aus der Grabescrde der eigenen Nichtigkeit war die unvergängliche Blüthegekeimt — er fühlte das Band um sich geschlungen, das liebend alles Endliche anknüpftan den Unendlichen, auf daß es nicht verstäube in trostloser Verlorenheit...
. . . Dumpfes Getöse weckte ihn auS seiner frommen Vcrsunkenheit. „Was gehthier vor?" rief er aufspringend und starrte nach dem Kaunstein hinüber... „DieWahnsinnigen! Sie ruhen nicht, bis sie ihr eigenes Verderben^bereitet ... sie habenden Felsenbau des Berges gelockert und seine letzte Stütze los geschlagen. . . DieMasse des Gebirgs gerüth in's Weichen . . . entsetzliches Schicksal, das Horn des Kaun-steins beginnt sich zu senken ... er stürzt ein... "
Dröhnende Schläge, unter denen das Gebirge weithin erbebte, schüllcrten durch dieLuft; donnerähnliches Rollen und das Prasseln zerschmetterten sGestcins folgte Schlag ausSchlag — wolkcngleich stieg aufgewühlte Erde und zerriebenes Geröll in die verfinsterteLuft: die unterste Stcinlage war zuerst gewichen — langsam, wuchtig drängten die obernnach, immer höhere, immer größere nach sich ziehend, die erst allmählig sammt Gesträuchund Wald sich fortschoben, bis die Bewegung mit der steigenden Geschwindigkeit desFalls immer schneller ward, bis der Fall zum Sturze wurde und fortgerissen, gcschleu-de t, geschnellt, Felsen, Bäume im Wirbel der Vernichtung durcheinander sausten, stürztenund nach allen Seiten hernieder donnerten. . .
Selbst zu einem Steinbild erstarrt, stand der erschütterte Greis dem furchtbarenSchauspiel gegenüber: er fühlte nicht, wie die Platte unter ihm erzitterte, wie die Trümmerum ihn niederschlugen — er sah nur die beiden Menschen am Fuße des einstürzendenBerges. Der Mm,n war in's Knie gesunken und verbarg das Antlitz in den Händen:er vermochte nicht den Schrecken deS Todes in'S Angesicht zu sehen — das Weib saher hochaufgerichtet steh'n: kühn und wie herausfordernd hielt sie die Arme den stürzendenTrümmern entgegengebreitet, bis sie von ihnen im rasenden Schwünge ereilt und hin»weggerissen war. . .
Auch Chriembert kniete wieder, gesenkten Haupts: kurze Zeit nur hatte das entsetz-liche Getöse des Einsturzes gewährt. . . Grab und Tod sind nicht stiller, als es dannum ihn her sich lagerte. Lange wagte er nicht mehr, den Blick zu erheben — als er eSthat, entrang sich ein Frcudrnruf der geängsteten Brust. . . die Kluft vor ihm war zumTheil von dem eingestürzten Gestein ausgefüllt: ein ungeheurer Fclsblock mit einem StückWaldes lag darinnen und die Tannen senkten ihm die riesigen Wipfel entgegen, alswollten sie sich selber zur Brücke anbieten, die ihn wieder hinüber trage in das Reichder Lebenden ...
Darüber hinaus aber, nicht mehr gehemmt durch den Koloß des Kaunstcins, öffnetesich der weite Ausblick auf die gegenüberliegende Sagcreckcrwand, auf den gewaltigenWatzmann , der unerschüttcrt den Fall des Jugcndgcnossen mit angeschaut und auf dengrünen Rasenfleck zu seinen Füßen ... Auf diesem aber drängte sich eine bunte Schaardurcheinander — das Falkcnaugc des Greises unterschied den Herzog und seine Söhne . . .er glaubte auch Markulf darunter zu erblicken, und als sich wieder die Glocke regte,zu Dank und Preis für den, der sie Alle gerettet hatte, vor der Bosheit der Menschenund der Gewalt der Natur ... da brach der letzte starre EiSring seiner Seele undtropfte geschmolzen in schweren Thränen von den greisen, noch nie benetzten Wimpern.-