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» Prüfung bestanden! Der Bund des freien Bajoarcn mit der Enkelin des Geschlechts,das einst in diesen Gauen geherrscht, soll Euch und dem Gau zum Segen werden —mit ihm schwinde der letzte Rest der Zwietracht, welche die Stämme getrennt: die alteZeit des Haffes sinke hinunter, und eine neue beginne, eine Zeit der Eintracht und dergläubigen Liebe!"
„Gewähret auch mir, dem alten Kriegs-Gefährten, eine Gunst," begann Chricmbert,während der Herzog die Hände des glücklichen Paares vereinigte. „Ich will meinen Hofin der Schönau meinem Markulf abtreten und seinem jungen Weibe, falls Ihr ihn fürmündig wollt gelten lassen ... ich selbst will hier bleiben in den Bergen, in denen ichso Viel, so Gewaltiges erlebt: ich will bei dem frommen Vater in der Salzburg lernen,ein Christ zu werden und will der erste Siedler sein an dem Kirchlein, das Ihr hiergründen wollt! ..."
Der Herzog gewährte die Bitte, er verhieß sogar, bis zur Hochzeit zu bleiben, undselbe durch seine eigene Gegenwart zu verherrlichen. Auf viele Stunden im Lande wares ein Fest, als der Freihofbauer von der Schönau sich mit dem schimmernden Gefolgevon Bauern, Reisigen und Edlen aufmachte nach der einsamen Namsau, um dieWalchcnbraut heimzuführen. Von ferne schon erscholl der Gesang und die Musik derlongobardischen Künstler, als sie durch die Engadcin heranzogen; im Hause des Romanensaß die alte, blinde Urahnin wie sonst unter den Säulen des Jnncnhofs, und vernahmdie Töne, die fern und doch wohl unterscheidbar an den Höhen widerklangen...
„Und mein Gedanke„glücktet zum schönsten„Winkel der Erde..."
klang es eben in die erträumten Saiten der Lyra von ihren Lippen — da drangen die
weichen südlichen Weisen an ihr Ohr . . . sie horchte hoch auf, indeß das Instrument
den nachlassenden Fingern entglitt und ein Lächeln des seligsten Glücks schwebte wie einLichtstrahl über das seit Menschenaltern verstcinte Gesicht... „Er ist es . . . er kommt!Ich habe es wohl gewußt, wenn sie zweifelten... ich habe gewußt, Florus hat uns nichtvergessen — Florus wird kommen, seine Lucia zu holen... O diese Töne... wie siemich grüßen! Wie sie so bekannt an meine Seele dringen ... Es ist weit in dieschöne südliche Heimath — ach, so unsäglich weit, aber die Liebe findet den Weg. . .
Er kommt! Er führt uns Alle dahin... o mein Florus..7"
Das lächelnde Angesicht neigte sich zur Brust herab, die entzückten Augen brachen —mit Thränen in den ihrigen drückte Placida, schon mit der Brautkrone geschmückt, sie derTodten zu und eilte dem schönen Leben entgegen, in Markulf's Arme, die sich ihr vonder Schwelle entgegen breiteten.
Das Leben der Vereinigten war ein freudiges, die Vorhcrsagung des edlen Herzogsging reichlich an ihm in Erfüllung.
Chricmbert wurde der erste Siedler an dem einsamen Bcthause, das bald statt derSennhütte in der Walchcn-Almende sich erhob; er hatte den Namen Bartholomäus ge-wählt, des Heiligen, dem auch das kleine Kirchlein geweiht worden. Lange Jahre stillerBeschauung und frommer Betrachtung waren ihm noch vergönnt und die Kunde seinesLebens war unter den Menschen außerhalb der Berge schon verschollen, als vorüber-ziehende Jäger, durch das Verstummen der Glocke aufmerksam gemacht, den frommenBruder Bartholomäus dahin geschieden fanden.
Von dem Einstürze des Kaunstcins weiß kaum mehr die Sage zu berichten; besservermag es der Felsendamm, der den See in zwei Theile geschieden hat und den Oberseevom Königssee trennt.
Die Glocke war Jahrhunderte lang eine merkwürdige Seltenheit, ein altertümlicherSchatz der kleinen Probst«, die später an der Stelle des ersten Kirchleins entstandens» war... seit der Umwandlung in ein Jagdschlößchen ist sie nicht mehr aufzufinden gewesen: