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„Meine Frau hatte vergessen, mir meine Vatermörder herauszugeben. Ich suchtesie überall, und kurz angebunden, ging ich etwas unsanft mit dem Inhalt der Schub-laden um, ließ dann Alles liegen und stehen bis zur Wiederkehr. Bei diesem Thunzerrte ich auch das Tuch vom Tische und zerbrach die Flasche."
„Er suchte seine Vatermörder?! —"
„Und wir hielten ihn für einen KindeSm — !! — O, wir waren doch rechte —"
So sprachen Gepatter Heubach und Gerbermcistcr Fritze leise zu einander, wobeiLetzterer jedoch zweimal vergaß, seine Reden zu vollenden.
„Dieß zu thun, überlasse ich getrost dem Leser, es dürfte ihm nicht allzuschwerwerden."
„Doch die Gestalt, die ich hier am Brunnen gesehen — der Schrei — das Blut?"fuhr nun Meister Andres heraus. „Gegen cilf Uhr blickte ich durch das Fenster undsah, daß meine Frau noch Wäsche im Hofe hängen hatte. Ich eilte hinab, nahm diewenigen Stücke fort und löste die Leinen, die ich hier, vor dem Brunnen niederwarf.
„Ah! — A —hü" —
„Ungeschickt in solchen Dingen, ließ ich dabei den Eimer in den Brunnen fallen —an der Welle war eine der Waschleinen befestigt — und ritzte mir nicht unbedeutend dieHand. Daher der Schrei — das Blut auf dem Brunnenrande. — Das kleine Tüchclchen,welches ich in Ihren Händen sehe, wird wohl auch bei der Gelegenheit in's Wassergefallen sein."
„A —h!-A —- hü!" —
„Doch die Eile, die Aufregung bei Ihrer Abfahrt?" konnte der UntersuchungS--Richter sich nicht enthalten, noch zu fragen.
„Ich schlief einige Augenblicke, und als ich erwachte, war es höchste Zeit, zurEisenbahn zu eilen. — Sind Sie nun genugsam abgeklärt, meine Herren?"
„Vollständig!"
„So bitte ich — mich entfernen zu dürfen. Meine Frau und meine Kleinen, sowie mein guter Schwiegervater, den ich so lange nicht gesehen, verlangen nach mir, wieSie sich wohl denken können. Ein andermal wird es mir sehr angenehm sein, Sie zuempfangen und Ihnen alle nur möglichen weiteren Aufschlüsse geben zu dürfen, — wennSie deren etwa noch verlangen sollten."
Eine bezeichnende Geberde erfolgte, und sämmtliche Anwesenden verließen mit mehroder minder verlegenen Verbeugungen den Hof und das Haus, dessen EingangsthorHerr von Wallborn, ein Weniges fluchend, doch auch wieder unwillkührlich lächelnd, schloß.Dann eilte er in die Wohnstube, um die Versöhnung mit seinem alten Schwiegervaterzu bewerkstelligen und zu feiern.
Meister Andres kam in eigenthümlicher Stimmung daheim an.
Es war sechs Uhr. Die Suppe stand noch immer unangerührt auf dem Tische,aber kalt war sie geworden — desto wärmer aber war seine Alte.
Er erzählte, wie sich Alles so wunderbar und besonders glücklich für den guten/Herrn Baron gefügt, wie er sich umsonst geängstigt und wahrhaft froh sei, daß Allesüberstanden.
Die Alte war zwar recht enttäuscht, doch freute sie sich recht herzlich über dasgute und glückliche Ende der sonst so überaus traurigen Geschichte.
„— Solche Geschichten hab' ich gerne!" sprach sie mit einem Blick auf ihregeliebten Bücher.
„Ich will sie auch lieber gedruckt lesen, als noch einmal erleben!" ergänzte MeisterAndres.
Dem Herrn Untersuchungs-Richter wurde auf der Station und durch den dortigenHerrn Bahuhof-Jnspector eine zweite Depesche überreicht, worinncn der Polizei-Dircctorder bewußten großen Seestadt meldete, daß das verhaftete Individuum nicht.Laibcl,