293
sondern Schrodtmann heiße, auch nicht in T..., sondern hundert Meilen davon, in Z.seßhaft gewesen, auch kein Verbrecher, sondern ein ehrsamer Bäckergeselle sei, wie solchesdurch die in schönster Ordnung sich befindenden Papiere und glaubwürdigste Zeugen un-umstößlich festgestellt, wcßhalb besagter Schrodtmann denn auch augenblicklich auf freienFuß gesetzt worden wäre, und besagter Laibel anderwärts zu suchen sein dürfte.
Recht ärgerlich steckte der Beamte die Epistel in die Tasche zu den nunmehr un-nöthig gewordenen Protokollen und brummte im Abfahren:
„Da habe ich mir einmal umsonst Mühe gegeben! Der Teufel soll die Narrenvon L. . . holen! — Aber es stimmte auch Alles so Prächtig zusammen, daß es einewahre Lust gewesen wäre, weiter zu inquiriren!"
Aehnlich drückten sich die Bewohner von T. . ., besonders die Gäste des Stamm-wirthshauses zur „ewigen Lampe" aus, und an ihrer Spitze Gevatter Heubach.
„Da haben wir uns einmal umsonst aufgeregt und geängstigt!" sagten sie.
Die Leser werden hoffentlich dasselbe sagen. —
Weiter hatte meine Erzählung keinen Zweck, und somit — Gott befohlen allerseits!
Die Wanderungen einer Raupe durch Asien und Europa .
Seit Jahrtausenden der Obsorge der Frauen und Mädchen anvertraut, wanderteine zierliche Raupe, als Pionier der feinen Sitte, durch Asien und Europa über denOcean nach Amerika . In den prunkvollen Gemächern einer chinesischen Kaiserin,2600 Jahre vor Christi Geburt, finden wir zum erstenmale die Seidenraupe als zahmesThier von kaiserlichen und adeligen feinen Händen gepflegt. Si-ling-ki hieß die hoheDame, welche befahl, daß, nach ihrem Beispiele, alle Frauen in China, von ihrer Gescll-schaftsfrau bis zur letzten Magd im Reiche, die Seidenzucht treiben sollen; ihr Namewird als Schutz-Patronin jährlich am Tage des Beginnens der Seidencampagne vonMillionen fleißiger Arbeiterinnen angerufen. Kaiserliche zarte Finger waren es, die255 Jahre später aus dem goldenen Netze der zierlichen Nanpe den ersten goldene»Faden abhaspelten, kaiserliche zarte Finger waren es, die daraus den ersten goldenenSchleier webten.
Von China wanderte die Raupe nach Japan uiH Kolchis, ihren Faden und ihrenSchleier nachziehend, der nach andern 83 Jahren als ersehnte Beute der Expedition derArgonauten dienen sollte. Diese eroberten, der Sage nach von listiger Wciberliebc unter-stützt, den Schleier, hißten ihn auch bei ihrer Rückkehr in's Vaterland auf die Spitze desMastbaumeS ihres Schiffes als erobertes Panier, aber seinen Ursprung kannten sie nicht,denn die Raupe hielt durch lange Zeit Stillstand in ihrer Wanderung, und ihre inSträhnen geflochtenen Fäden, die in Babylon mit so viel Gold, als sie schwer waren,ausgewogen wurden, hielt man für das Produkt einer rätselhaften Pflanze.
Erst nachdem der Bcsieger Asiens, der große Alexander, seinem Lehrer Aristoteles zum Studium der Natur die Produkte der eroberten Länder zur Verfügung stellte, ahnteman in Europa , daß die Seide von keiner Pflanze, sondern von einem Insekt erzeugtwerde. Dieses Erzeugniß wurde aber bald das Zeichen der höchsten Vervollkommnungdes Luxus der Männer, die eleganteste Zierde der Frauen, und zwar so sehr, daß16 Jahre nach Christi Geburt den Männern in Rom das Tragen seidener Kleider ver-boten wurde; daß Kaiser Aurelian seiner eigenen Frau ein Seidenkleid verweigerte, weiler es zu theuer zahlen sollte, und Kaiser Markus Aurellus im Jahre 160 eine eigeneCommission nach China schickte, um in direkten Verkehr mit diesem Lande zum Behufedes Seidenhandels zu treten. Diese Abgesandten fanden aber, daß die chinesischenSeidenhändlcr stumm und blos durch Zeichen ihre Kontrakte schloffen, daß derjenige mitTodesstrafe bedroht war, der die Seidenraupe oder deren Eier aus dem Lande tragenwürde, und daß selbst die Seide nur den nachbarfreundlicheu Völkern zu verkaufen er»