Ausgabe 
28 (13.9.1868) 37
 
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laubt war. Diese strengen Gesetze verhinderten bis zmn Jahre 552 die weiteren Wan-derungen der Seidenraupe.

Im Jahre 533 kehrten aus einer Mission in China zwei Mönche vom Orden desheiligen Basilius nach Konstantinopel zurück, welche dem Kaiser Justinian erzählten, daßsie das scidcspinnende Insekt und die Kunst kennten, aus demselben die Seide zu ge-winnen. Nach vielen Jahren erst gelang es dem Kaiser, diese Mönche zu bestimmen,abermals eine Reise nach China zu unternehmen und sowohl die Seidenraupe, als diedieselbe ernährende Pflanze nach Konstantinopcl zu übertragen. Erst im Jahre 552wanderten sowohl die Seidenraupe als der Maulbeerbaum, in embryonaler Gestalt inden Knöpfen der Wanderstöcke der zwei Mönche eingeschlossen, aus China über Tibet ,Persien und Kleinasien über den Bosporus nach Konstantinopel, wo der Saame desBaumes, der Erde anvertraut, Laub erzeugte und die Eier des Seidenspinners, durchdie Wärme eines Misthaufens bebrütet, Raupen entwickelten, die nach vier Wochen zumerstenmale auf europäischem Boden zwischen den Besten der wilden Maulbeersträuche ihregoldenen Cocons einspannen. Konstantinopel war also die erste Etappe in der Wan-derung unserer Raupe aus Asien nach Europa . In der Burg des byzantinischen Kaisersunter der Leitung der zwei Basiliancr-Mönche gezüchtet, gaben durch zahlreiche Jahrehindurch viele Millionen von Seidenraupen ihre seidenen Galetteu, die, in einer kaiser-lichen Fabrik von aus Tyrus und Beirut besonders dazu berufenen Webern abgesponnen,in glänzende Seidenstoffe verwandelt, das Produkt einer Kunst bildeten, die auszuübenuur dem kaiserlichen Hofe erlaubt war.

In Konstantinopel blieb die Seidenraupe abermals Jahrhunderte lang stationär,und nur nachdem ihr Borläufer, nämlich der Maulbeerbaum, ihr den Weg gebahnt hatte,konnte sie ihre Wanderung auf dem europäischen Continent fortsetzen. Denn obwohlim Verlaufe der sechs darauffolgenden Jahrhunderte die Scidenzucht in Griechenland derart gang und gäbe wurde, daß dieses Länd von dem Maulbeerbaum (llorus albs)den Namen Morea erhielt, so lehrt uns doch die Geschichte, daß Kaiser Karl der Großebei feierlichen Gelegenheiten höchstens eine Schärpe von Seide um die Hüften trug. Inder ersten Hälfte dcS zwölften Jahrhunderts, als Ruggcro II., König von Sizilien , nachBcsicgung Griechenlands griechische Gefangene in sein Vaterland schleppte, wanderte mitdiesen die Seidenraupe nach Sizilikn, um sich daselbst einzubürgern und neue Kolonienin Kalabricn zu gründen.

Im übrigen Europa vermochten selbst die großen Privilegien, die Herzog Leopoldvon Oesterreich im Jahre 1200 der Stadt Wien , als dem Mittelpunkte des europäischenSeidenhandelS, verlieh, die Seidcnzucht nicht zu verbreiten. Denn erst unter dem altenDandolo (120t) wanderte die Seidenraupe aus Konstantinopel in das Vcnetianischeund auf genuesischen Kriegsschiffen (1306) über das tyrrhenische Meer, um sich in Mo-dcna anzusiedeln und von da über den Apennin nach Florenz zu pilgern, wo sie inwenigen Jahren Tausenden von Arbeitern Lebensunterhalt verschaffte.

Dennoch blieb die Seide in Europa noch lange eine seltene Waare. Karl VI. vonFrankreich trug, um seine königliche Pracht zu entfalten, selbst im Sommer einen Schnür-leib von Seidensammt und Karl VII. bei seinem Einzug in Roucn (1449) einen mitSammt aufgeputzten Filzhut als den kostbarsten Hut seiner königlichen Garderobe. DieSeidenraupe hielt indessen in ihren Wanderungen durch Europa zum fünften Male Still-stand, während der Scidenbaum ihr die Bahn fortcbuen sollte. Unter Karl XI. pflanzteTronchet im Jahre 1564 die ersten Maulbeerbäume bei Nimes, und Heinrich IV. ließdurch Olivicr de Serres im Jahre 1600 die Maulbeerbäume von Fontaincblcau pflanzenund aus Italien 14,000 Maulbeerbäume und große Quantitäten von Maulbcersamenkommen, die er unter seine Unterthanen vertheilte. Nun wanderte, trotz der Oppositiondes allmächtigen Sully, die Seidenraupe über die Alpen nach Frankreich , und dieses