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Frankreich , das früher um 4,000,000 Franks Seide einführte, führte in wenigen Jahre«eben so viel aus, und besaß schon im Jahre 1806 über 400,000 Maulbecrbäume.
Während in Frankreich die Seidenraupe unter dem mächtigen Schutze des Regentenihren Einzug hielt, sollte sie an der Hand einer edlen Prinzessin nach Deutschland wandern. Magdalena Elisabeth, Tochter Joachiin's II., Kurfürsten von Brandenburg,züchtete im Jahre 1595 die ersten Seidenraupen in Deutschland, und Friedrich Wilhelm I. von Preußen befahl, viele Maulbecrbäume in seinem Staate zu pflanzen; zwei Gesell-schaften aber, die in Württemberg die Seidenzucht treiben wollten, gingen in kurzer Zeitzu Grunde. Gleiches Unglück verfolgte die Seidenraupe auf ihrer Wanderung nachEngland unter Jakob I. (1608—1610), während dagegen ihr Vorläufer, der Maulbcer-Baum, unter Peter dem Großen vom Jahre 1682— 1725 bis zum 54sten, und imJahre 1739 bis Stockholm, d. h. bis zum 59stcn Grade nördlicher Breite vorgedrungenwar, wo er in diesem Jahre der strengsten Kälte des Jahrhunderts widerstand.
Jene kleinen ungünstigen Erfolge waren aber nicht im Stande, unsere Raupe aufihrer Pilgerschaft als Vorbote der feinen Sitte aufzuhalten. Sie wanderte unter Ludwig XV. selbst nach dem Norden Frankreichs ; im Jahre 1749 pflanzten zwei Italiener, Cremcriund Locatelli, die ersten Maulbcerbüume zu Prag und führten die Seidenzucht daselbstein, wo diese über ein Jahrhundert kümmerlich ihr Dasein fristen sollte, um in unsererZeit sich zu einem lebensfähigen Kulturzwcig in Böhmen emporzuschwingen. Der Maul-becrbaum gedieh unter Alexander I. und Paul I. an den Ufern des Terck und an denMündungen der Wolga und des Don, und entwickelte sich zu Wäldern in Kankasien;im Jahre 1770 wanderte die Seidenraupe, in der Reisetasche Benjamin Franklin's ver-wahrt, über den Atlantischen Ocean nach Nordamerika .
In Frankreich und Italien aber wurde die Seidenraupe der Liebling des schönerenGeschlechts, dessen zarte Hände so viele Milliarden von Seidenspinnern anferzogen, daßFrankreich im Jahre 1826 an reinem Gewinne von der Seidenzucht 23,560,000 Frankserzielte und Norditalicu im Jahre 1834 für 107,560,000 Franks Cocons erzeugte.Um das letztere Produkt zu erhalten, brauchte man 35,250,000 Kilogramme Cocons undauf jedes Kilogramm 400 Galcttcn im Durchschnitt gerechnet, 13,100,000,000 Raupen,die zum größten Theil von Frauenhäudcn gezüchtet wurden und einen Seidcnfadcn vonder Länge von 6,550,000,000 geographischen Meilen herstellen. Wie aber entstand dasWunder? Einige zarte Maulbcerbüume, die kaum fedcrkicldick in der Umgebung vonMailand im Jahre 1761 mehr der Neugierde halber gepflanzt worden waren, gabenneun Jahre darauf 60 Kilogramm Laub, und nach anderen eils Jahren 525 Kilogrammper Baum. Liese Ueppigkeit der Betäubung erregte Erstaunen, die Liebe der Frauenzur netten Raupe steigerte ihre Aufopferungskraft, und die kleine Lombardei züchtete schonim Jahre 1803 Cocons für den Werth von 400,000 Franks.
Graf Vinccnz Dandolo aus Varese, Statthalter des ersten Napoleon in Dalmatien ,widmete, als er in Folge von politischen Umwälzungen in sein Vaterland sich zurückzog,fein thatenrciches Leben der Zucht der Seidenraupe. Von ihm stammen die ersten wissen-schaftlich verfaßten statistischen Tabellen, über Auslagen und Erträgniß der Seidenzucht;er baute die erste kolossale Magnaneric, die als Modell für tausend und abermals tausendandere, welche als Monumente des Reichthums italienischer Großgrundbesitzer später ent-standen, dienen sollte. Nie wirkten noch todte Ziffern so zündend auf die Gemüther, alsdie Zahlen-Kolonnen Dandolo's ; nie war die Dankbarkeit eines Volkes so aufrichtig gcge»einen Wohlthäter als diesmal. Im Jahre 1803 erzeugten die Lombarden für vierMillionen Franks Cocons; vom Jahre 1807 bis 1810 producirte das kleine Gebietdes damaligen Königreiches Italien Galetten für den Werth von 327,631,241 Franks,und das Volk widmete dem Dandolo Tausende von Denkmälern, da es jedes zum Zweckeder Seidenzucht errichtete kolossale Gebäude Dandoliera benannte.
Was konnte ferner die Wanderung unserer Raupe hindern? In den Fünfziger-