Nr. S8.
20. Septbr. 1868,
Augsburger
Wer will denn Alles gleich ergründen!
Sobald der Schnee schmilzt, wird sich's finden!
>ier hilft nun weiter kein Bemühn!-iuds Rosen, nun sie werden blühn.
Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie.
Eine Erzählung in zwei Abtheilungen und neun Capiteln von Herübert Malten.
(Wiederabdruck ist ohne Erlaubniß des Verfassers nicht gestattet.)
Erste Abtheilung.
I.
Der Neujahrswunsch.
Ob Noth, ob Kummer, ich ertrag' es gern,
Leucht mir durch's Dunkel nur der Liebe treuer Stern.
„Wenn Sie erlauben," sagte der Candidat Olearius höflich und zündete seinenWachsstock an dem Flämmchen der zinnernen Oellampe an, welche mit ihrem spärlichenLichte die Wohnstube der Victualienhändlerin Harnapp in Langensalza in Thüringen erhellte.
Frau Harnapp im Lehnstuhl neben dem warmen Ofen sitzend und der Nutze pfle-gend, nickte bejahend mit dem Haupte und der Candidat seinen Wachsstock langsamzurückziehend, wandte sich an zwei junge Mädchen von ungefähr 19 und 14 Jahren, diebeflissen waren, einen wahren Berg von Linsen, der vor ihnen auf dem Tische aufgehäuftwar, rein zu lesen, mit der Frage: „Noch, immer so fleißig?" Es erfolgte jedoch keineAntwort; ja die fleißigen Leserinnen erhoben nicht einmal das Haupt von ihrer lang-weiligen Arbeit. Dessen ungeachtet hob Olearius wieder an: „Frau Nachbarin, Siesollten sich solche Tauben anschaffen, wie die allbekannte Aschenbrödel zu Gehilfinnen hatte.Diese pickten in gar kurzer Zeit die schwarzen und angefressenen Linsen oder Erbsen auseinem großen Haufen heraus und ersparten so ihrer Herrin die Mühe."
„Tauben?" versetzte die Alte mürrisch. „Ein Paar Gänse habe ich, die mir abernicht die bösen, sondern die guten Erbsen und noch viele andere Dinge obendrein aufessen."
Der betroffene Candidat sah, wie der schonungslose Vergleich der alten Base einehohe Nöthe bis in den gebeugten Nacken der älteren Linsenlcscrin gleiten machte. Zugleichwischte diese mit einer Hand voll Linsen einen hellen Wassertropfen vom weiß gescheuertenTische hinweg, welcher ihrem schönen Auge entfallen war. Olearius, dem es unendlichleid that, daß er durch seine gutgemeinten Worte die arge Kränkung verschuldet hatte,sagte begütigend: „Ei, ei, Frau Nachbarin, wie mögen Sie doch nur immer ihremMühmchen so großes Unrecht thun? Fleißige Bienchen sind die, die mit dem Hahnen-schrei aufstehen und bis in die Nacht hinein arbeiten. Ich muß mich ordentlich schämen,wenn ich mich mit Jungfer Lischen vergleiche, und eine lernbegierigere Schülerin wieAgathe hatte ich nimmer."
„Ja, ja, loben Sie nur immer das dumme Ding in's Gesicht" — eiferte die Alte— „damit sie noch eingebildeter wird, als sie schon ist. Ich wollte auch, daß„D»