Ausgabe 
28 (20.9.1868) 38
 
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Lieber das Zinn richtig scheuern lehrten, als Briefe schreiben und andere dergleichenNichtsnutzige Dinge mehr. Was thun die Mädel damit? Liebesbriefe lesen und schreibenund nichts weiter. Aus diesem Grunde durfte ich bei meiner seligen Mutter blosGedrucktes lesen lernen und das mit Recht. Wer weiß, ob die beiden Maulaffen da esso weit bringen werden mit ihren neumodischen Künsten, als wie ihre alte Base. Sie,Herr Oehlig, haben auch lauter überspannte Dinge im Kopfe haben da ihren ehr-lichen Familiennamen abgelegt und dafür einen andern angenommen, den der T laussprechcn mag, aber ich nicht Ole haar Pfui der Tausend noch einmal!"

Olearius!" verbesserte der Candidat und eine leichte Nöthe stieg in sein schmales,bleiches Antlitz.Sehen Sie, Frau Nachbarin, in der Gelehrtensprache heißt Oehligso viel, wie Olearius, und ganz andere Männer als ich, haben ihren Namen in'sLateinische oder Griechische übersetzt. Der Name thut oft gar viel zur Sache, und ichdenke immer, daß der Magister Olearius eher zu einer Pfarre kommen soll, als dersimple Gottfried Oehlig, und was der würdige Melanchton gethan hat, der ja aucheigentlich Schwarzerd hieß, darf wohl von einem niederen Theologen nachgeahmt werden."

Narren sind sie gewesen" fiel Frau Harnapp eindabei bleibe ich! Undwenn ich einen Sohn hätte, der sich seines ehrlichen Familiennamens schämte und ihn««drechselte, er sollte nicht einen rothen Heller von der Erbschaft bekommen."

Wir wissen nicht, ob der empfangene Ehrentitel oder das WortErbschaft" denCandidatcn auf einen schnellen Rückzug bedacht werden ließ, aber er zündete seinenWachsstock, den er während des Gesprächs aus Sparsamkeit verlöscht hatte, wieder an«nd entfernte sich unter dem Anwünschen einer guten Nacht, welche jedoch bloß von denbeiden Linsenleserinnen dankbar zurückgegeben wurde. Olearius stieg, nachdem er dieThüre im Rücken hatte, auf einer ziemlich steilen Treppe nach seiner Wohnung hinauf,die dem dürftigen Einkommen eines Candidatcn angemessen war. Der große hohleSchlüssel öffnete, oben angekommen, ein umfangreiches deutsches Schloß und der Candidattrat in ein kleines Vorgemach, welches zugleich die Stelle der Küche vertrat. Das darangrenzende Stübchen war gerade geräumig genug, um ein Bett, ein Bücherbrett und einenArbeitstisch in sich zu fasten. Das erstere stand unter der schrägen Wand, welche dasDach des Hauses bildete; das zweite enthielt in einer einzigen Reihe die ganze Bibliothek«nd der dritte die schriftlichen Werke des Candidatcn. Ein Stuhl mit hoher Rücklchne«nd arg verschossenem Ueberzuge, war der einzige seines Gleichen, hatte des Tags über-feinen Stand vor dem Tische, des Nachts hingegen am Bette des Junggesellen. Dieserzündete mittelst des Wachsstockes ein dünnes Talglicht auf einem Blechleuchtcr an undbegann hierauf sich umzukleiden. Der wsllarme, schwarze Frack mit den langen Schößelnwanderte an den Nagel, ein anderer, minder guter herunter und auf den Leib desschmächtigen Candidatcn, welcher die Schößcl desselben als Stoff zum Ausbessern derübrigen Kleidungsstücke verwendet und ihn somit in einen Spencer umgeschastcn hatte.Temungeachtet zeigte das Hintertheil der schwarzen kurzen Beinkleider eine Scheibe vongrauem Tuch, welche der Frack bisher verdeckt gehabt hatte.

Nachdem Olearius noch eine blauleinene Schürze vorgebunden, begab er sich in dasZimmer zurück, wo er mit prüfendem Blicke die Häupter seiner Lieben einige StückeStockholzes- überzählte, und dann Feuer in den Ofen zu machen, Anstalt traf. Auseinem kleinen Küchenschranke nahm er ein Bündel schon bereit liegender Hvlzspänc, undin wenigen Secunden später fuhr die Ofengabel mit ihrer in Brand gesetzten Bürde indes Ofenloches schwarz gähnenden Schlund. Als das Feuer lustig prasselte, brachte dieOfengabel einen Topf mit Master in dessen Nähe und der Calfactor ward zur Köchin,welche die Abendmahlzeit bereitete.

Ein Kernmädchen, die Lieschen!" sprach der Candidat, indem er Schwarzbrod ineine Schüssel schnitt,welch' ein Unterschied gegen die geschmückten, gepuderten und ge-Zierpuppen der höheren Stände!" Er warf Salz auf das Brod.Wie