Ausgabe 
28 (20.9.1868) 38
 
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sittig, keusch und demüthig ist sie! Wie duldsam gegen die Kränkungen des böse«Weibes!" Hier wurde die Halbschied eines Drcierstückchens Butter in die Schüssel ver-setzt.Der Mensch will auch einmal eine Abwechslung und der Magen eine Stärkung,haben." Unter diesen Worten langte Olcarius eine kleine Düte mit Kümmel aus derWestentasche, von welchem deutschen Gewürze er eine Prise der Suppe beifügte.Neun-mal glücklich der Mann, dem Lieschen einst als Hausfrau das Essen bereiten darf." Errückte den Wassertopf aus dem Ofen.Nun, wie Gott will!" Patsch! glitt der Topfvon der Ofcnbrücke und vergoß seinen kochenden Inhalt, so daß das Feuer zischend ver-löschte. Die Ofengabel in der Hand schaute Olcarius trübe bald in das verhängnißvolleOfenloch, bald auf die des Aufgusses harrende Schüssel. Am meisten schmerzte ihn dasböse Omen, daß gerade in dem Augenblicke, wo er in frommer Ergebung, aber mitheißer Inbrunst an Lieschens Besitz gedacht, die Flamme im Ofen gewaltsam ausgelöschtworden war. Sollte das Feuer seiner heimlichen Liebe für Lieschen nicht ebenso durcheinen Wassersturz des Schicksals erstickt werden? Nach einer Minute stillen Sinnenswiederholten die Lippen des Candidatcn abermals leise:Wie Gott will!"

Die Schüssel mit ihrem Inhalt wanderte, um am nächsten Morgen benutzt zu wer-den, in den Küchcnschrank zurück. Olcarius sättigte sich mit Butterbrod und verfügtesich kauend in sein Stübchcn, dessen weiß gefrorene Fensterscheiben von der Lichtstammewie Diamanten glitzerten. Die Stellung, welche der soupirende Candidat dicht vor demOfen einnahm, ließ errathen, auf welche Weise dessen Beinkleider zu der oben gedachtengrauen Tuchscheibe gekommen waren. Heute hatten sie von dem nur wenig erhitztenOfenkastcn ein Versengen nicht zu fürchten.

Warum," hob der junge Mann andoch nur die Erdcngüter so gar un-gleich vertheilt sind? Meine arme selige Mutter mußte bitter darben, indeß ihr kinder-loser Bruder zum Erösus ward. Und er half der einzigen Schwester nicht, als sie aufeinem langen Krankenlager schmachtete. Ja, selbst mein Brief, der ihm der Schwesterseliges Ende verkündete, hat er bis jetzt unbeantwortet gelassen. Alle Jahre einen Dukatenfür den ihm übcrschickten Neujahrswunsch war das Einzige, dessen wir uns von ihm zuerfreuen hatten. Nun, Gott Lob! weder ich noch meine gute Mutter sind deßwegenhungrig zu Bette gegangen. Der Vater im Himmel oben wird auch weiter für michsorgen. Weiß ich doch nun einen recht eifrigen Fürsprecher bei ihm: meine Mutter.

Diese Worte wurden des Kauens wegen in Unterbrechungen gesprochen. NachdemOlcarius seine Mahlzeit stehend genossen hatte, setzte er sich an den Arbeitstisch, zog denEntwurf eines Neujahrs-Gedichts und einen Bogen feines Postpapicr hervor, um jenesdarauf mit zierlichen Schriftzügcn versetzen.Bekenn' es nur offen heraus, Gottfried,"sprach Olcarius, indem er den goldenen Rand des Papiers betrachtetedaß Du einhöchst eigennütziger Kerl bist. Dieses Gold ist es nicht der Köder, um einen Duka-ten zu crangeln. Die Wurst, welche Du nach der Speckseite zu werfen gedenkst? Geht

Dir's von Herzen, wenn Du einem niegesehenen und daher ungeliebten Oheim alles

Gute amvünschest? Die Gottheit um Verlängerung seines theuren Lebens auf dem Papier

anflehst. Und doch muß ich es thun, trug es mir doch die Mutter noch auf, als sieschon auf dem Sterbebette lag. Ihr Wille sei mir heilig."

Er spitzte die Feder und schrieb nein, er malte die Buchstaben mit fast eigen-sinniger Hand auf das Papier hin. Eben hatte er die Schlußzeile fertig, als ein ent-ferntes Geräusch durch die ihn umgebende lautlose Stille daher drang und ihn plötzlichvom Stuhle aufjagte. Auf den Zehen schlich er in das Vorgemach und mit zurückgehal-tenem Athem lauschte er durch das Schlüsselloch der Thüre, vor welcher sich bald ei«Lichtschimmer zeigte. Die beiden Mädchen kamen heraufgestiegen, ihre Bodenkammer unddas Bett aufzusuchen.

Nicht einmal ein Schürzenband kann ich mir kaufen!" hörte der horchende Can-didat Lieschen klagen,man muß sich ja vor den Leuten im Hause schämen."D»