Ausgabe 
28 (20.9.1868) 38
 
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sollst es haben, Engelskind!" gelobte Olearius im Stillen,sobald der Goldfisch desOheims eingegangen sein wird."

Die Tritte der beiden Linsenlcserinnen waren schon geraume Zeit verklungen, alsder Candidat zum Schreibtische zurückkehrte, um den Titel des Jahrwunsches noch zuschreiben. Auch diese Arbeit war endlich vollbracht und zufriedeuen Sinnes überlasOlearius den zierlichen Bogen mit halblauter Stimme:

Meinem theuren, heißgeliebten, hochgeehrten-"

Er stockte rieb sich die etwas schläfrigen Augen las nochmals und erstarrte!Nicht dem theuren, heißgeliebten, hochgeehrten Oheim, sondern dem heißgeliebten Lieschenhatte er den Wunsch zum neuen Jahre gewidmet! Verloren war die verwendete Zeitund Mühe, verloren der Groschen für den theuren Bogen! Er zürnte mit sich selbstund gleichwohl hätte er sich um keinen Preis entschließen können, das verfehlte Machwerkzu vernichten oder wenigstens das WortLieschen" wegzuradiren. Vielmehr hob er dasBlatt in dem geheimsten Fache des Arbeitstisches auf. Dann trug er die Claviatur einesehemaligen Claviers herbei, verpflanzte solche vor sich auf den Tisch und begann mitziemlich frostverklommcnen Fingern eine stille Musik aufzuspielen, deren Noten er vordem Klavier-Sierrogate gegen ein dickes lateinisches Lexikon gestützt hatte.

Nach Beendigung der Sonate verfiel Olearius in ein kurzes Vorspiel, auf welcheser einen Choral folgen ließ. Mit großer Andacht und einer recht reumüthigen Stimmesang er zu den klanglosen Fingergriffen:Mit meinem Gott geh' ich zur Ruh', undthu' in Fried' meine Augen zu."

Dies war das Abendgebet des frommen Candidaten, welcher nach drei abgesungenenVersen mit dem Lichte zu dem an der Wand Hangenden Schattenriffe seiner Muttertrat, dem er einen langen Blick voll dankbarer Liebe widmete.

llsvo pia rmima!^ sprach er innig, löschte die Kerze und begab sich zur Ruhe,welche, wie bei allen Inhabern eines ruhigen Gewissens, eine sanfte war.

(Fortsetzung folgt.)

Die Katakomben in Paris .

Wollen Sie mit uns die Katakomben sehen? Ich habe die Eintrittskarten fürmorgen," so lautete die Einladung eines Freundes, die anzunehmen ich bereit war. Dasgroße geheimnißvolle WortKatakomben." In Rom kostet es uns das Hinabsteigenweniger Stufen unter die Erde, und wir versetzen uns, so oft wir wollen, um baldzweitausend Jahre zurück, um immer wieder von diesem ehrwürdigen Ausgangspunkt dieElemente aller Jahrhunderte, wie sie die ewige Stadt nachbarlich birgt, auf die unbe-gränzte Einbildungskraft wirken zu lasten wer weiß, was Paris da unten zu unsspricht?

Um in Paris alle solchen Sehenswürdigkeiten zu besuchen, die zu gewissen Stundenbesonders geöffnet werden, wendet man sich brieflich an die Präfectur. Man wird aufdie Liste geschrieben, und bekommt per Post zu seiner Zeit die Eintrittskarten zugestelltfür das bestimmte Mal. Am Eingang in die Unterwelt war ein buntes Leben. Dieflachen Hüte und schwarzen Talare der Priester waren in großer Zahl am Platze.Frauen verkauften aus großen Körben Lichter und Scbeiben, aus Pappendeckel geschnitten,um das Tröpfeln aufzufangen, und machten in aller Eile ein gutes Geschäft. Aus-gerüstet schloß man sich dann der Queue an, deren Spitze sich langsam gegen die Ein-gangsthür hin zergliederte; denn da saß in voller Würde der kaiserliche Beamte, umgebenvon Polizeimannschaft, und musterte die Karten, ganz wie die Pässe an der Gränzeunumgängliches Joch officicllcr Vormundschaft, durch das der Franzose zu allen Freudenschreiten muß. Der Deutsche und der Engländer, schlucken eine Pille des Unmuths, unddas beruhigt sie zur Genüge. Der Franzose kommt nicht auf solche Gedanken; er ist