Ausgabe 
28 (20.9.1868) 38
 
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zugten der Gottheit zu erblicken. Einem derartig bevorzugten Kinde gegenüber ist, daswird man wohl einräumen müssen, das Erziehungswerk schwer, um so schwerer, da selbstder väterlichen Gewalt diesem gegenüber sehr enge Schranken gezogen worden sind.

Viktoria und Albert liebten den Erstgeborenen abgöttisch; wie ihr beiderseitiges ehe-liches Leben ein reines und musterhaftes war, und kein Mißton dasselbe störte, so warensie auch im Punkte der Erziehung ihres Kindes einig geworden. Viktoria, die königlicheMutter, so ward bestimmt, sollte den Unterricht des Knaben überwachen und sich Rathseinholen bei allen Vorkommnissen bei dem Vater des Kindes, welcher als oberste inappel-lable Instanz entscheiden sollte.

Die Lehrer des Prinzen beklagten sich darüber, daß derselbe gar keinen Sinn fürMusik habe. Man versuchte es vergebens mit allen Instrumenten.Ich bin der Prinzvon Wales, und ich mag kein Musikant werden," sagte der Knabe stolz; es war ver-gebene Mühe. So oft er zur Musiklektion sollte, rief er ungestüm aus:Bin ich dennein Musikant?"

Prinz Albert übernahm es, den halsstarrigen Knaben zu bekehren. In den Abend-stunden, nach vollbrachtem Tagwerke, wenn die weiten, stolzen Prunksäle von Buckingham-Palace geöffnet wurden und die Elite der englischen Gesellschaft durch dieselbe sichbewegte, wenn die edelsten und stolzesten Männer und Frauen Großbritanniens ehrfurchts-voll vor der angebeteten jugendlichen Königin dcsilirtc, und Jeder sich glücklich schätzte,dem nur ein huldvoller Wink Ihrer most ^raoious Nnjost^ zu Theil wurde, wenndann die Kinder dieser Königin innig beglückt zu der erhabenen Mutter emporblickten, dieeine Gottheit Allen schien, die aus den Wolken hernieder gestiegen, dann erhob sichViktoria von ihrem goldenen Stuhle, geleitet von ihrem Gatten; sie setzten sich Beidean das Klavier und begannen zu spielen. Die Gäste lauschten und wußten sich dasEreigniß nicht zu erklären. Wie da gewaltig die Töne durch die Hallen brausten, dieBcethoven'chen Symphonien die Herzen durchzittertcn, wie die Königin die Tasten schlug,weich, sanft, milde, wie Mondesschein leuchtete cS nieder, während dazwischen die Donnerdes jüngsten Gerichtes, der heulende Sturmwind, der Angstschrei des gepeinigten Gewissensheulten, die Albert den Saiten entlockte. Man klatscht keinen Beifall der auf- undniedcrstcigendcn Sonne, nicht dem Regenbogen, der in majestätischen Farben jene Diamant-drücke über Meere wölbt.Viktoria, mein Leben," sagte nach einer solchen Scene PrinzAlbert zu seiner Gattin, während der Prinz von Wales mit seinen lang herabrollendenKastanienlockcn und großen nußbraunen Augen, tief ergriffen von dem Zauber des Spie-les, wie versteinert am Klavier stand,Niemand klatscht uns Beifall."

ävarlinß-," sagte Viktoria,das kommt daher, weil wir, weder ichnoch Sie, bezahlte Musikanten sind."

Der Knabe merkte sich diese Lektion, sein Musikmeister hatte sich nicht mehr überihn zu beklagen. Was die Königin und ihren Gemahl so herrlich kleidet, das kanneinem Prinzen von Wales nicht schlecht stehen, ein Wort zur rechten Zeit hat jenenstarren Sinn gebrochen.

Aber Miß Jeanette, die französische Sprachmeisterin, hatte sich noch fort zu beklagenüber die Ungelehrigkeit ihres Schülers. Als der Prinz eines Tages über sein zerstreutesWesen während der Sprachstunde von der Miß einen Verweis erhielt, sagte er kurz undkategorisch:Miß, ich bin geboren zum König von England , und ich bin gesonnen,es dereinst mit den Franzosen so zu halten wie Prinz Henry, diese sollen mit mir eng-lisch sprechen, und wenn sie's nicht können, so sollen sie sich zum Teufel schecren. Ichaber werde Ihnen zu Liebe nicht in diesen langweiligen Nasenlauten mich üben. Ver-standen?" Sagt's, und schleudert das französische Buch der Miß an den Kopf mit denWorten:Ich bin der-Prinz von Wales !"

Ja wohl, mein Prinz," sagte gefaßt Miß Jeanette,Sie werden eS daher nicht